die heilige fettpflanze ist mein vater

ich verriet der priesterin nur eins – und das auch nur, weil mir die geschichten ausgegangen waren, die alternativen: weil ich blank war in einer verplanten, leergeordneten welt. also sprach ich:

»hören sie zu: die heilige fettpflanze, die die touristen in unser verschimmeltes glashaus bringt alle zehn jahre, wenn sie schleimig keimt: sie ist mein vater. ja, es ist wahr. ich sage es erst jetzt, weil kein vorteil, nur nachteile mir daraus entstehen können, sie wissen es. also gut: diese pflanze ist mein vater und ich habe damit zu leben. reicht ihnen das?«

die priesterin blinzelte, setzte zu einem wort an, das für mich gemeint war, und blubberte doch vor sich hin. sie war nicht überrascht, erschüttert keinen augenblick. ich war unzufrieden. so fühlt es sich an, wenn man ein lebensgeheimnis preisgibt, and noone cares, und die welt dreht sich weiter, dachte ich und klappte zusammen wie origami, das jemand platt tritt aus gemeinheit.

am nächsten werktag trat ich aus dieser kirche aus.
auch das keine befreiung.




aus dem traumprotokoll von henry

alle blickten mich an, weil ich einmal angezogen war, nicht nackt: vermummt rollte ich auf einem großen teppich hin und her, einem erbstück, das der familie gehörte seit einer mittleren ewigkeit --- und das würde so bleiben, egal was ich tat, was ich aufführte:
ich verdankte meinen platz im dasein meinen ewigen ahnen, diesen geschickt durch die geschichte lavierenden gestalten mit haltung, zielen, mit ausweisen. sie waren stärker als ich. ja: meine schwäche unterschied mich von allem, was ich darstellte in diesem moment, auf diesem teppich, was ich in bewegung transformierte: ich wand mich, machte mich uneins. ich war wohl eine larve, ein neuer kleiner krieger ohne sendung, nur mit zeit.

ich schmierte mir paste ins gesicht, verdreckte alles um mich herum. wieder einmal, lernte ich jetzt, war ich ein fieser besucher: einer, dem man bereut die tür geöffnet zu haben, weil er flecken aufs sofa macht, die nie wieder rausgehen. elend.

ich stach mit einem brieföffner ein loch durch die vierte wand. sie war aus butterpapier. ich blickte durch. ich tat, als hätte das bedeutung.
zurück in der handlung spritzte ich mir, was ich im hosensack fand. der saft, der mir aus den mundwinkeln tropfte, war auch nur ein symptom irgendeines zustands. wer war ich? ein spieler? ein darsteller? ein künstler? uuhh! und uahh!, dachte ich:
nun heißt es, ans ende denken,
nun heißt es, die welt in ruhe lassen,
aufhören.

das tat ich.
wenigstens das.




CARO

caroline stammte von großen tieren ab: ihre eltern trugen breite federn, die ihnen aus den körpern gewachsen waren am beginn einer langen pubertät, – und hundert jahre später starben sie ängstlich ihre leisen tode, von denen fast niemand etwas wusste, von denen fast niemand etwas weiß.

heilung ist irgendwo da draußen, gleich neben der einsicht in die vergeblichkeit allen strebens, dachte caro und schüttelte die schweren beine. lässigkeit geben wir als letzte preis!, als allerletzte!!, erinnerte sie den spruch ihres babysitters, der nicht immer weise war (ein schwächelndes vorbild, wenn man ehrlich war), aber unerschütterlich korrekt. heiterkeit kommt, heiterkeit geht, alles ist schwierig – und irgendwann sterben wir aus wie mama und papa vor uns...

caro unterbrach die selbstfahrenden gedanken, saugte am strohhalm, zwirbelte ihr rotes bauchhaar: ich bin nur ein unbedeutendes puzzleteil in diesem mysteriösen kosmos – und doch wird der erde leichter sein, wenn ich fehle. na na na!, wusste der babysitter aus der erinnerung zu kontern, zerbirst: gehorsam! implodiere zu nichts: pflichtgefühl! aber, aber, ach was, und sowieso, dachte caro, ist alles schwierig zu verwirklichen, ist alles immer leichter zu sagen: als zu tun.

etwas auf caros stirn fühlte sich komisch an, etwas kam die speiseröhre wieder hoch, irgendwie zitterten die runzeligen zehen, und dann klingelte der riesengroße wecker, ein pinker mitbewohner, der nichts war ohne seine batterien. und dann knirschten die zähne. und ein meister trat auf, ein taktgeber, ein fieser antreiber:
es war der neue alte tag.