die heilige fettpflanze ist mein vater

ich verriet der priesterin nur eines, und das auch nur, weil ich etwas sagen musste, weil sie irgendetwas hören wollte bei der beichte, zu der man hier einmal im jahr antrat. mir waren die ideen ausgegangen, die alternativen..., ich war blank in einer durch und durch geordneten, getakteten, verplanten welt. also sprach ich:

»hören sie zu: die heilige fettpflanze, die die touristen in massen in unser schimmliges glashaus bringt alle zehn jahre, wenn sie schleimig keimt: sie ist mein vater. ja es ist wahr. ich sage es erst jetzt, weil kein vorteil, nur nachteile mir daraus entstehen können: sie wissen es. also gut: diese pflanze ist mein vater und ich habe damit zu leben. reicht ihnen das?«

die priesterin blinzelte, setzte zu einem echten wort an, und spulte doch nur ihren gereimten sermon ab. war sie gelangweilt? jedenfalls nicht überrascht, erschüttert schon gar nicht. ich war unzufrieden. so fühlte es sich also an, wenn man ein lebensgeheimnis preisgibt, and noone cares, und die welt dreht sich weiter, dachte ich und klappte innerlich zusammen wie origami, das jemand platt tritt aus gemeinheit.

am nächsten werktag trat ich aus dieser kirche aus. es war keine befreiung.




aus dem traumprotokoll von henry

alle blickten mich an, weil ich einmal angezogen war, nicht nackt: vermummt rollte ich auf dem großen teppich hin und her, den uns unser onkel vermacht hatte, weil alles immer in der familie blieb und bleibt und immer bleiben wird:
ich verdankte meinen platz im dasein diesen ewigen ahnen, diesen geschickt durch die geschichte schreitenden gestalten mit haltung, mit zielen, mit plänen. sie waren anders als ich, stärker. ja: meine schwäche unterschied mich von ihnen, ich stellte sie in diesem moment mit meinen gliedmaßen auf diesem teppich dar, transformierte sie in bewegung: ich wand mich. ich war uneins. ich schälte mich aus der schale. ich war eine larve, ich war ein neuer kleiner sinnloser krieger ohne hoffnung, ohne sendung. ich war ein halunke, ich trank, ich schmierte mir paste ins gesicht und verklebte, beschmutzte alles um mich herum. wieder einmal war ich ein fieser besucher, dem man bereut die tür geöffnet zu haben, denn er macht flecken aufs sofa, die nie wieder rausgehen. elend.

ich stach mit einem brieföffner ein loch durch die vierte wand. sie war aus butterpapier. ich blickte durch. ich war im aufruhr. ich spritzte mir, was ich dabei hatte. der saft, der mir aus den mundwinkeln tropfte, war ein symptom meiner sucht. wer war ich? ein spieler? ein darsteller? ein KÜNSTLER gar? oohh!, dachte ich: nun heißt es aufgeben, nun heißt es, die welt in ruhe lassen, aufhören. und das tat ich.
wenigstens das.




CARO

caroline stammte von großen tieren ab: ihre eltern trugen breite federn, die aus ihren körpern gewachsen waren am beginn einer langen pubertät, – und hundert jahre später starben sie ängstlich ihre leisen tode, von denen fast niemand etwas wusste, von denen fast niemand etwas weiß.

heilung ist irgendwo da draußen, gleich neben der einsicht in die vergeblichkeit allen strebens, dachte caro und schüttelte die schweren treter. lässigkeit geben wir als letzte preis!, als allerletzte!!, erinnerte sie den spruch ihres babysitters, der nicht immer weise war (ein schwächelndes vorbild, wenn man ehrlich war), aber korrekt. heiterkeit kommt, heiterkeit geht, alles ist schwierig – und irgendwann sterben wir aus wie mama und papa vor uns...

caro unterbrach die selbstfahrenden gedanken, saugte am strohhalm, zwirbelte ihr rotes bauchhaar: ich bin nur ein unbedeutendes puzzleteil in diesem mysteriösen kosmos – und doch wird der erde leichter sein, wenn ich fehle. na na na!, wusste der babysitter aus der erinnerung zu kontern, zerbirst: gehorsam! implodiere zu nichts: pflichtgefühl! aber, aber, ach was, dachte caro, alles letztendlich schwer zu verwirklichen, alles immer leichter zu sagen: als zu tun.

etwas auf caros stirn fühlte sich komisch an, etwas kam die speiseröhre wieder hoch, irgendwie zitterten die runzeligen zehen, und dann klingelte der riesengroße wecker, ein pinker mitbewohner, der nichts war ohne seine batterien. und dann knirschten die zähne. und ein meister trat auf, ein taktgeber, ein fieser antreiber:
es war der neue tag.





»FOG DOG / DOG GOD«














hörstück von kerstin putz und patrick weber, 2025

>> stadtwerkstatt linz: fog manifesto, 1.–7.9.2025
>> radio fro





meine namen 45

identitätskrise in sidi bou saïd / lächelnd erfand er sein lebensmotto: »den sebel heben, das leben geben« / ein langes pseudonym, das unbenutzt im rucksack steckt als plan b / ich-ideal: KONG

nur fast ein vertreter der fühlenden klasse – stattdessen ein lethargischer pimpf / ein samariter, ein nachfolger, ein prediger und ein blonder lockenkopf im kostüm: teile dieses lebens vergehen als jesusfilm – und alle sprechen ihren dialog

herbert ohne anschluss, ohne anker in der realen welt (sein falsches linkes auge lag einsam im schnee) / ein hund in dinggestalt, als möbel, als luster – meine phantasie war übereifrig, ich spürte ein blubbern im kopf, verschleppt wie ein bekiffter schlagzeugrhythmus, und verstand endlich, dass ich ich war, niemand sonst

leben ohne regie / puppe als dauervertretung / verzweifelt suchte ich das optimum, den superlativ – und fand stattdessen die ewige schulter, an der ich schon lehnte, seit ich ein scheuer jünglig war

nichts faszinierte mich, ich war apathisch und log, log, log: eines tages kroch ich in eine höhle, in der mein spiegelbild auf mich wartete: so ein trauriges luder!, sprach es und verschwand / verhärtung, pfropfen, gewächse am genital: der feind kam aus dem inneren und war ein schweigsamer kollege / sentimentale verfassung einer vogelfrau: eine kranichin steht im wind – und daneben eine zweite, die sie begehrt

im hemd steckt ein rumpf, der ohne herz ist oder seelenlos oder leer oder tot / meine sieben verflossenen, wie sie für jeden einzelnen refrain wiederkehren und ihren müden vers singen, der sie rehabilitieren soll – und keiner verzeiht ihnen (auch nicht der allmächtige, denn er hat es satt)

ohne sattel, ohne ort, ohne markierte stelle, ohne parkplatz, ohne existenzberechtigung in der manege (DES LEBENS) / eine kleine handtasche, die spricht und schimpfwörter austeilt an die verantwortlichen / pferde, die wie autos beschleunigen und zu dreiarmigen ungeheuern werden, die keiner kennt

blumenspende eines reichen militärs, der sich ändern wollte und nicht konnte – und weinte / »subito« oder »sofort« oder »keine bewegung!«, sagen die termiten, »wir sind leute wie ihr«

veredelung / ein inselleben im pazifik, wo ich die seelen versorge / mein ältester grundsatz: ohne garantie, ohne horizont, bar jeder hoffnung -- wir machen weiter / die verwahrungsgeschichte von jenni, die jetzt verfilmt wird von ihrem priester manolo

verlorener antrieb / laufsimulation eines kranken hasen im heimkino / das parlament / aufruhr in der gegend, wo einmal dein gewissen war / ertrag durch übung / golden pee

hansy kompensierte jede verlusterfahrung im casino und stahl und betrog und trank und verfiel / die leiden der gruppenseele / zählmanie und hose weit unten / heroisch und opferbereit –– oder –– »wurstig veranlagt« wie ein kaugummimann aus der puszta

lockmittel: arbeit niederlegen und ungehindert lust ausleben / verblühen / parasit im visier, parasit im nacken / arm und zutraulich / mein atem bläst die welt weg wie staub / sportlicher, asketischer werden, härter, disziplinierter – und älter

rambazamba oder selbstzerstörung oder eine partei gründen oder endlich den herd abdrehen, sage ich mir / meine altlast, schnauzt nancy ins mikrofon, ist die fri-vo-li-tät –––




meine namen 44

großes rohr
kaputter bh-verschluss von irmi
gerry macht screenshots und malt sie alle ab
vorband: »die alte stelle«
jessies schneckenhaus auf 35 milimeter – und noch mehr verzärtelte kunst
lust, gier, kalte finger – und ein murmelgroßes loch im zahnfleisch
lennie wollte kapitän werden, jetzt weint er

zarte rohe blinde unförmige gefühle für edith
alabasterner hocker im schwarzen russ, limitierte edition, 25/100
dein wesen
samt im po
ein damenhammer dort, wo dein schwächelndes herz war
keine vision
handlung: hinhalten, schwatzen, absacker, einheit
die credits, die über dein gesicht laufen




meine namen 43

heiterkeit, dann überfeinerung, dann lebensangst, dann lebensbejahung – und endlich mein labiler bruder ralf, der dich anspricht, weil heute ein ungerade tag ist und er aufrecht geht: »hallo, ›leuchtende persönlichkeit‹, ich sehe dich an.« du atmest auf, legst dein haupt in seine hände, er wiegt es, du bist am ziel, denkst du, doch es ist nur ein endloses nicht-ende, kein ziel, man merkt es an der melodie, die jetzt einsetzt und vom einen ins andere ohr geht ohne pardon: heiterkeit, dann überfeinerung, dann...


prinzipiell ein verräter: ich
hündisch fügsam: ich
ein lausiger freund in der realität: ich
ein freigänger auf abruf, der nicht wissen kann, wie lange er geht und wohin: ich
noch nicht tot: ich


»ein wanderleben in armut!«, zischt mareike ins telefon, »das räudige selbst zerquetschen!, durch den eigenen menschen hindurchkriechen und auf der anderen seite wieder rauskommen, dort, wo rein gar nichts mehr ist: nix! – ja, das ist alles, was ich dir zu sagen habe, ferdinand, was dir raten kann, bevor wir für immer scheiden.« knistern in der leitung. »ferdi? ferdinand?« ein dumpfer knall, dann stille. »ferdiii?«







97_/33



















KLEINER RAMBO ___ 2021/2025
farbstift, filzstift, kreiden, acryl, collagiert
14,8 x 21 cm







meine namen 42

loses mundwerk, billiges brot, ein lautes dröhnen aus dem lüftungsschacht, ein, zwei flausen im kopf --
und leidenschaft
und konzentration

etwas starres, das weich wird in deiner hand und gleitet, später gliedmaßen bekommt und zu kriechen anfängt (und zu atmen wie ein neues abgespaltenes selbst): und alle sagen hallo du --

ein hirtenbrief an unsere jugend, den wir stolz verlesen, bis wir einknicken wie die gruppenleiter VOR UNS, die verzweifelten voraus-geher, die über die klippe geflogen sind aus angst vor kritik (!), aus angst vor dem skeptischen blick der generationen (!) – und aus bescheidenheit

zwei prediger und kinderspieler (in der doppelfunktion); ein hellgrüner fuchs; ein marschbefehl, der ausgerechnet an mich ergeht aus dem hinteren hirn; mein lieblingspullover, den ich in der schublade zurücklasse aus feigheit; und ein graues meer in der nähe meiner füße, dort, wo früher ein fruchtbares land war: gebt mir die mittel in die hand, sage ich, um all das zu kombinieren!, und ich verspreche, ich enttäusche euch nicht ––



ich war wach und sah euch endlich,
als lebendes bild:

»sind wir schon verschwunden?«, fragt fipsi, der wasserträger mit dem großen kinn. »ich weiß es nicht«, antwortet ein kondor, der nervös ist und trotzdem lebensklug sein will, wie er es nie war: »vielleicht wissen wir es nicht. vielleicht sagt es uns niemand! – und wir wandeln ohne sicherheit für immer dahin!?« fipsis augen sind leer, er gähnt.
etwas kommt aus ihm heraus,
und geht nicht mehr hinein.





97_/32



















FEHLTRITT VON LUMPI ___ 2025
farbstift, filzstift, kreiden
15 x 15 cm







meine namen 41

siech, vernünftig, keine stirnfransen, aktenkundig – und beischeiden wie georges canguilhem

mindestens ein klimpern, das die scham von schwester irene umspielte, als sie einmal unaufmerksam war: »mama amanda, in mir fiel der große innere regen, weswegen ich flüssig wurde: ich übertreibe nicht!« mutters antwort kam 2 monate später auf rissigem papier: »irenchen, unsere körper gehören uns nicht. sie hängen an seinen fäden. deine hände: auch sie gehören dir nicht. lass ihn sie führen und sperr dein ego in die schatulle, die ich dir gab. verschließe sie fest. fester.«

tränen flossen, als heinrichs stimme aus dem handy kam: »ja, ich war dein schatten, luzius, aber jetzt will nicht mehr dein schatten sein. jemand anderes ist mein schatten seit montag. sei nicht traurig, es lohnt sich nicht.« luzius spürte sein schicksal niederdonnern auf das zarte persönchen, das er war, dazu gelben neid und heiße knie. me-lan-cho-lie pfiff jemand aus dem off über eine schwere synthesizer-musik. warmes weinen hörte nicht auf bis zum nächsten quartal. dann ging luzius das geld aus und er jobbte als model für freizeitkleidung aus der not. dieses leben vergeht ohne sinn, sprach er ins mikrofon: ich erkenne mich nicht wieder. was soll ich tun??

eine freigiebige quelle als mensch: sprudel für immer / regierungswechsel im gartenstaat: »zieht euch etwas an, untertanen, ich liebe es nicht, wenn ihr nackt geht« / treibstoff für 200 tage auf außendeck 3 – und keine ahnung, wohin die reise geht: obacht, kameraden, wir laufen aus

knappe grüße aus madagaskar: »liebe familie! ich will ehrlich zu euch sein: ich denke, wir kommen nicht durch. füttert die hasen für mich – und gebt unter KEINEN, d. h. GAR KEINEN umständen nach, wenn esther insistiert! – bleibt mir treu. eure zita«

fehlalarm: lunge neben dem ohr





meine namen 40

scham, wetter, ich-verlust – und eine kirschrote beule am kinn, die leuchtet

historische beschreibung, systematische beschreibung, power point und vierzehn seufzer am sankt-nimmerleins-tag: »vielen dank, alfred – und jetzt lass es gut sein!«

güte / spannung / ernst gemeinte selbstbefragung im garten: unten ohne / sich wild vervielfältigen trotz eines gelübtes, das jetzt offenbar nicht mehr gilt (merk dir: nichts gilt mehr!) / kuss und schluss

»seid anständig!«, liest die aushilfe vom handy ab, »und haltet die herzen zum herrn: zum herrn!« (sendepause) / ein stolzer schwan war wieder der hauptdarsteller, knieend und mitten im bekenntnis: »meine stimme bricht nicht, wenn ich ›ich‹ sage«. SCHNITT: –– und alle weinen / etwas persönliches gegen etwas unpersönliches, etwas rotes gegen etwas goldenes, ein kaugummi gegen das stechen im schritt: zwecklos / zurückhaltung in jeder situation / zweifler von geburt, verdrehtes kind anno 1981 / werkgerechtigkeit für susy / etwas zurückhalten, weil man es kann / materielle güter heute keine, selbsterniedrigung heute aber schon / eine lebensauffassung hart wie die dekosteine aus dem baumarkt / überflüssige hirnverschalung abgestoßen: jetzt kommt wieder luft durch, charlie

demut im lift / ein zeichen der zuneigung für den wärter im ornat, ein blatt papier aus meiner manteltasche jetzt in seiner hand: ti amo, monsignore, ich komme wieder, weil ich es will




97_/31



















KEILER ___ 2025
farbstift, filzstift, kreiden
15 x 15 cm







97_/30



















LANDSCHAFT MIT HEDWIG ___ 2025
farbstift, filzstift, kreiden, collagiert
15 x 15 cm







97_/29



















WIR BEDIENEN UNSERE KUNDEN
VON OBEN NACH UNTEN ___ 2025
farbstift, filzstift, kreiden, acryl, collagiert
15 x 15 cm







meine namen 39

spottet jeder sitte, verachtet die gekrönten häupter, verhöhnt jede autorität, wohnt am strand und in der höhle: ursula p.

gesetzesangst, leistungszwang, drill ohne ende: hosen runter, leichtfried, jetzt bist du dran!

»... eine freiheit, die im kommen ist«, sagt das seegras, das es bald nicht mehr geben wird. »wann denn?«, fragt die yacht. »NIE!, wenn wir nichts unternehmen!«, singt die besatzung im chor. »wir schieben euch alle ab, wenn ihr eines tages zu sprechen anfängt«, sagt die frau an deck, die nichts hört und im tanga geht. (schnitt)

innerlich frei, äußerlich an der leine der großmächte: schauspieler / wo war das ewige – im vergänglichen? / weniger eingekreist von existenzieller finsternis in der atmosphäre eines heiteren menschen: aldo, der schoßhund, mit seinem menschlichen freund harald / verbalerotik, aus der notwendigkeit heraus: seit niklas das ohr entdeckt hatte, umkreiste er es mit der ausdauer eines welpens, bravó!

100 holzskulpturen eines manikers: ihr arrangement wahlos, ihre ausführung halbherzig, ihre anzahl unheimlich: wir zogen ab ohne erkenntnis außer der, dass man sich einschränken muss, ruhe geben, aufhören. zuhause vernichteten wir unser werk der letzten 10 jahre und atmeten durch: erlöst die erde von unserem übermut!

lesung aus dem kleinen feuerroten buch: was war unser auftrag? wohin trieb uns die gier, der wunsch, zu besitzen, einzuhegen, abzugrenzen? wohin bauten wir unsere zäune: in die milchstraße, in den himmel hinauf?

»ich weiß jetzt, dass ich falsch lag, und errichte eine republik, cornelia« / rummel um einen onkel, der niemals interviews gab / mensch als gratisclown / treffpunkt: straße der einsamkeit, avenue der alten werte / zwischenmenschliche probleme, die wir mit post-its lösen – oder mit smiley-stickern / wo war mein BEITRAG ?, was tat ich wirklich? : war ich er?

wochenthema, ausgesetzt: »die geheimnisstruktur von allem«; heute stattdessen: »dichte beschreibung«





97_/28



















KOMM REIN! ___ 2024
farbstift, filzstift, kreiden, collagiert
14,8 x 21 cm







meine namen 38

»WAS HAST DU, DAS DU NICHT EMPFANGEN HAST? WENN DU ES ABER EMPFANGEN HAST, WAS RÜHMST DU DICH DANN...?«

eine liebe im kartenhaus, eine liebe in der garage (kleiner war größer, ärmer war reicher, beschränkt war grenzenlos) / raus aus der welt, runter vom sinkenden schiff, rein in die zwischenzone: dort warte ich auf dich, armin!, mit leuchtenden gedanken, roten wangen, charisma und einem pausenbrot, das den namen verdient

geheimhalten, unsichtbar sein, streunen: marguerite, die »SCHEINFRAU«, die »ANGEBLICHE FRAU« / tanjas lebenslust, heftig wie ein geysir – und udos trägheit, angeboren: so lebten sie und liebten einander ein langes, langes leben lang (vorhang)

keine konkurrenz, keine lebensverleugnende arbeit, keine macht der inquisition! / liebesheirat aus innerer überzeugung – und äußerer notwendigkeit (glückspilz anastasia) / profil: heftig und zierlich (perfekte tarnung) / ein fehler im drehbuch und das ende einer karriere: »leila, ich sehe dich«

eine hand hält die andere, die andere die nächste, wir existieren zwei tage lang in form dieser menschenkette, harren aus, äußerlich stoisch, innerlich aufgewühlt, dennoch: nichts bringt uns ab von starken ideen, wir trotzen dem wetter, der politik, den kaiserinnen und kaisern: keiner macht fotos, keiner dokumentiert, stattdessen bleibt uns eine erinnerung in heftigen, flimmernden farben an unseren mut, unseren unwirklichen mut – verstehst du das, heiko?

ärztliche anweisung: abkühlen und langsam streicheln, dem körper zeit lassen, dann aufschneiden, apparat einsetzen, zusammennähen, gut zureden, dann: wiener frühstück, champagner / zorn am anfang, wut in der pause, langer groll gegen ende: irgendwann zuckerwatte zum trost (wer quält uns mit dieser dramaturgie??) / sunny, meine intimfreundin zum ausleben schmutziger gedanken, und herbert, der die kamera bedient / laissez faire im schwarzwald / hundeleben, algenleben, laubleben, kieselleben, lavaleben, das leben von staub am meeresgrund: die gedanken sind frei, niemand kann sie erraten !!





meine namen 37

bedeutungsschwer, trübselig, demütig: leyla / »viel grundlose unruhe in einem kleinen kopf« / zwei selbstporträts, auf denen wir kühner wirken, als wir sind – und eine seherin, die unser aktenzeichen interpretiert

omas partypyjama, zurückgelassen auf der baustelle von X: ein tristes bild als mittel gegen den (anderen) schmerz, und mittwochs eine spritze gegen die langeweile, und morgens und abends: wesentlichkeit & vergeistigung – und klaudia

ein barockes wasserspiel und viele pastellfarbene hanteln, die aus dem himmel auf uns fallen: es könnte auch anders sein


◊◊◊

I.
zwei, die sich kaum kennen: mimi, die halten will mitten in der salzwüste (»tristan, ich muss mal«) und gefasst ist trotz des liebeskummers, den sie mitschleppt wie einen schatten, der immer kleiner wird aber nicht leichter, und tristan, der den bus lenkt wie ein alter römer in der arena, den man bezahlt für das, was er kann: furchtlos rennen. »ich will nicht mehr in die zukunft!«, ruft jetzt ein altes kind aus der vorletzten reihe. es wachsen existentielle gedanken in der gruppe, weiß tristan, niemand, der klar sieht, kann sie wollen, sie glühen und stecken an (»was soll ich tun?«).

ja, denkt tristan, die dämmerung ist auch hier schön, nicht so schön wie in stuttgart natürlich, aber sie kommt und geht auch in der wüste, und wir haben besonnen und dankbar zu sein für dies und das, erinnert er das wort des patenonkels aus einer zeit, in der niemand flamingos kannte und keiner wusste, dass schwerkraft nur fast überall gilt: das war die vergangenheit.

tristan lässt den bus langsamer werden, bis er hält. mimi steigt aus und hockt sich dicht dahinter, fremd in dieser kargen umgebung wie alle und alles. diese reise ist nicht sinnloser als das meiste, das ich tue, denkt mimi: richtet sie irgendetwas in mir aus? alles verrinnt, alles verschwindet, und ich trage die unterwäsche einer toten: hat das eine bedeutung?
später schreibt sie in ein kleines heft (auf dem umschlag eine sonnenblume mit gesicht, die lacht): »pisse im salz, teile von mir in der wüste, wesentliches ungelöst, trotzdem zufrieden.«


II.
seite 3 in pippas notizbuch: »hungerbrot, fluchtreflex, gartenanlage«.
zweiter absatz aus ihrer vorformulierten e-mail an a.: »ich schreibe diesen film auch ohne dich, alfred, aber mit deiner hilfe würde aus ihm etwas, das nicht nur den tag, die gegenwart, das drängende kennt, sondern auch das ruhende, versenkte, die EWIGKEITSWERTE: denn du kennst das leben wie jemand, der einmal ein auge verloren hat im hafen von tanger, der mit pilgern ging, mit einsiedlern aß, wie einer, der nur nickt, wenn andere plaudern, wie ein alter hase, der lächelt im auge des sturms, weil er weiß, dass die katastrophe ihn birgt. sag: kommst du mit mir?«


◊◊◊


weißt du, wie wir nach hause kommen, alfie?






97_/27



















SCHULE DER BEGRIFFE:
»VERSCHLINGEN« ___ 2024
farbstift, filzstift, collagiert
14,8 x 21 cm







meine namen 36

der messias aus glas / lang gehegte wünsche, die nie in erfüllung gehen / angst vor allem / liebeshandlung und der raub einer hose in frankfurt am main, wo wir dastanden, wie uns einst jemand geschaffen haben musste: nackt aber glücklich, und pleite wie eh! / losungswort: heißhunger-auf-sprossen / alles aus prinzip, nichts am mittwoch, keine eier für tony, menschliches sandwich: okay, wenn’s sein muss, kostet aber extra

ich lebe – und du? / simulation und heiße ohren / arthur, der außerordentliche (mit mittelscheitel) / unten durch weil oben kein anstand / vertreter, verkäufer, verhandler und eine murmel im handschuh, die ausnahmsweise die erkenntnis bringt / eingabe in kleinbuchstaben: »l-a-v-o-u-r«

jahresthemen: »unstillbares verlangen«, »götterdämmerung«, »handarbeit«, »pausenclown«

*

»liebe geldgeber!
ich weiß: ihr fühlt euch unwohl. es liegt an mir, an meiner »undeutlichen art», an den signalen, die ich sende. euch plagt der instinkt, wegzurennen, unter den kissen zu verschwinden, euch in jemandes schoß zu wiegen. ihr sucht den ausweg, weil ihr so erzogen wurdet, oder es glaubt. ich aber harre stur aus: stramm stehend, unentspannt, schwer wie steine, unterkühlt und hart. ich gehe nirgendwohin, ich spüre nichts. lasst euch sagen, dass ich nicht auf euch warten werde im nächsten level: dass ich nicht meine arme ausbreite, um euch zu empfangen, euch abzuklopfen aus zuneigung, nicht das wochende mit euch verbringe, euch nicht tätschle, bis ihr glüht. seid so gerecht und gebt dieser wahrheit raum. verkriecht euch nicht in den illusionen über euch, über uns, und sagt einmal »danke«, wenn man euch die vorspeisen bringt. lebt schließlich mit diesen anweisungen, und missdeutet sie nicht als gut gemeinte ratschläge. arrivederci, cowboys, wir sehen uns nicht wieder.« (abgang, loungemusik)