103_/78



















die rache der novizinnen ___ 2020
16 x 23 cm





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mama, ich bin ein killA! ___ 2020
nr. 9 von 9 / 9,5 x 9,5 cm





103_/76















chitchat ___ 2020





103_/75



















klassisches beispiel ___ 2020
nr. 1 von 9 / 9,5 x 9,5 cm





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seelentrösterin (kitzelt) ___ 2020
16 x 23 cm





samstag, 21. november 2020, 18:10

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997




nikita, das mutterschiff

als ich dich treffe, bist du schon tot.
bevor ich dich treffe, machst du klapprige fotos für die zeitung, rufst zurück, schreibst e-mails (etepetete-stil), bist pünktlich, schipperst seriös im ozean, trägst enge oberteile mit fransen (nie aus badeanzugstoff, du magst das synthetische nicht), du magst stattdessen enge leinenhosen, keine turnschuhe (nie gemocht; du trägst aber sowieso fast nur socken, wegen der zierfische, die zehenkitzler sind, was jeder weiß). du bist elegant, fröhlich, beweglich, ein ganzes-in-teilen wie ein wespennest. du bist kein kind mehr. du lügst, dass sich die balken biegen (paranoider stil), du kennst die tsushimastraße in und auswendig und den berg aus »fitzcarraldo« (du überwindest ihn im traum, keuchend, quietschend – so lange, bis du aufwachst mit dieser einen gewissheit: affen über mir!, affen unter mir!, affen in mir! – und aus dem dschungel schwimmst mit tempo 200: so ein faux pas!).
du bist als boot ein lebendes bild von freiheit (naja wärst du: wenn du nicht so beschränkt wärst).



meisterschaft durch beschränkung

du bist ein kleines beerchen, du hast kein großes ehrchen / du lebst in sehnsuchtsschleifen, verhinderst so das reifen //
NIEMALS NIE AUSREIFEN – NIE!, sagst du dir
und mixt ein nächstes whiskey-cola dir ––



kirmes mit crystal

ich leide unter dir! – sage ich und stöhne auf: du bist als fließendes wasser eine existenz jenseits der norm!, benimm dich doch zur abwechslung einmal hart und kantig – wie ein leutnant in uniform um 1900 oder wie eine nonnen-anwärterin zumindest (wie nennt man sie? novizinnen?). ich sage dir: du hast nie in die form gefunden, ich wiederhole das: du hast nie in die form gefunden!, deine elende stromlinienform: ich bitte dich! du strömst doch niemals den grand canyon weich, niemals höhlst du den stein, niemals: nein.

wir gingen – trotz meiner unverbesserlichen kritik – aus, ließen es auf einem dorffest krachen, indem wir alle hüllen fallen ließen (erster streich) – und uns anschließend, wieder angezogen, das zuzwinkern des autodrom-schraubers zuzogen (es war wenig halten ab da). – ich legte, ganz im sinne eines gemeinsamen anfangs, los mit der gesummten version einer wagner-ouvertüre, und flammte schließlich in extremspannung auf: wer war ich als exzess? (doktor ratlos) – ich ließ die fäuste sprechen und die füße, mehrere hiebe und die stimmungen zwischen den paar zeilen (das war so ein einverständnis-kick zwischendurch, der nur geht, wenn man sich gut & lange kennt). der autodrom-schrauber verstand hingegen als fremder sowieso auch jede andeutung aus dem ff (naturtalent) und legte uns die finger zwischen die beine, worauf du (wie oma) noch entzückt ihm ein »daumen-hoch« vor den latz legtest (sanft), während er schon wieder behände zum reißverschluss seines overalls griff: er musste weg. oh heillose verquickung von umständen, pfiff ich: er hatte keine zeit für uns. er musste schrauben. es war sein beruf. – eine schiarche stimme schrie ihm nach. – das ganze war kein erfolg.

wir ließen, angesengt und traurig – herumdösend wie zu lange in der plastikbälle-landschaft gelegen –, die handys spielen und du sandtest, gespielt gekonnt, deiner dealerin ein paar chiffrierte zeilen, die da wirkten, weil sie ankam in plus-minus 15 minuten, auf ihrer vespa, aufgedonnert wie die fernseh-femme fatale ohne jede einschränkung (außer der der abgeranzten vespa). ihre preise waren – erbarmt euch, rief ich in richtung globaler märkte – genauso extrovertiert wie sie: ich kritisierte ihre preisgestaltung, worauf sie mir viele finger zeigte und wir uns, im sinne der mitmenschlichkeit, rasch einig wurden. padauz!: wir hatten »die lösung«.

der rest des abends verlief ruhig und von uns cool geschauspielert in vollem wissen um die paranoia, die sich am nächsten morgen einstellen würde: die sich am nächsten morgen einstellte:

du – im flüssigen zustand: wurdest hart.
ich – im harten zustand: wurde weich.




103_/72



















angriff der edelmulis ___ 2020
16 x 23 cm





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es ist ein stein, der nach dir sucht, idiot! ___ 2020
nr. 2 von 9 / 9,5 x 9,5 cm





freitag, 30. oktober 2020, 11:20

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997


»ICH WERDE WANDELN IM LANDE DER LEBENDIGEN«
[folge 2: viktoria]


erste aufnahme, november 2020

mein name ist viktoria, ich bin 32. – ich will nichts verbindliches. (schiebt einen zettel über den tisch in meine richtung: »ruf mich bitte nicht wieder an«.)

ich nehme die dinge in die hand, ja: ich kann die wimpernzange richtig halten (lacht): naja ich weiß, wie man mit solchen geräten umgeht. nur manchmal bin ich müde, das trübt dann das ergebnis; aber ich sage mir: jaja, das wird schon noch, no pressure. oder: es geht ja sowieso mehr um das lippen-make-up bei diesem style.

ich arbeite, ich zahle miete, ich ziehe mich halbwegs okay an – naja hoffe ich zumindest (lacht).

ich beame mich schon weg, ja: also ich fahre zum beispiel nach paris, nach hamburg, nach passau: ich gehe dann tanzen, shoppen. treffe irgendwen. ich habe keine haustiere, keine altersvorsorge, kann aber loyal sein. – letztes jahr habe ich aufgehört zu rauchen, dafür bin ich anderswo lasziver geworden (lacht), aber ––– //



»wir lärmten und applaudierten, einige frauen schluchzten vor erregung, niemand wollte es wahrhaben, daß es ein abschied war.«



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dein gesicht auf dem schweißtuch von x ___ 2020
16 x 23 cm





donnerstag, 29. oktober 2020, 8:13

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997


»ICH WERDE WANDELN IM LANDE DER LEBENDIGEN«
[folge 1: hortensia]


hortensia bekam ihren blumennamen von 16 hippies, die sie aufzogen. die entscheidung fiel im augenblick einer kleinen ekstase – da war hortensia schon am leben und 5 kilo schwer. gekauft.

hortensias blick war klar, ihre sicht ungetrübt, der horizont auf dieser insel weit. dem strengen zugriff des nächsten, des unmittelbarsten sich entziehen zu können, garantierte die fähigkeit zum weitblick indes nicht (eine spätere erkenntnis): hortensia tat, was man tat: sie tanzte im kreis, ging barfuß auf kies, schlief in höhlen – ruhig & unbelastet, jedoch zur gänze eingepasst in ihren eigenen hautsack: form. eine kaum gekrümmte lebenslinie führte durch diese kindheit (man schritt sie ab wie im klartraum): eins zwei drei vier: hortensia zählte bis 100. gelb lila rot: sie kannte die farben. blaue blüte, rittersporn und staudenreich: sie brillierte in naturkunde und war stolz auf ihr talent. – in ein mittelgroßes holzstück, das an einer der höhlenwände lehnte, hatte jemand in großbuchstaben geritzt:

»gras ist das haar der erde.«


an einem märztag des jahres 2001 rasierte sich hortensia geübt den kopf und schob ihre brüste durch zwei öffnungen eines orangen samtbustiers. ihre gepiercten nippel cremte sie mit vaseline ein, auf die beiden wangen kam helles rouge, eine winzige feder an die geheime stelle.
hortensias tag begann abends. ihre arbeit nachts. von ihren ältesten kundinnen zu ihrer herkunft, ihrer kindheit befragt erfand sie regelmäßig die langweiligsten geschichten, in denen plattenbauten, ausziehtische, lametta und sodamaschinen vorzukommen pflegten. ihren blumennamen, erzählte sie dann, hätte ihr ihre großmutter väterlicherseits gegeben, eine pflanzennärrin, strenge mutter & person: hätte die großmutter den rasen im garten ihres sohnes nicht zu ihrer zufriedenheit, gepflegt und gestutzt, vorgefunden, dann hätte sie sich vor versammelter runde vom mittagstisch erhoben, den rechten zeigefinger zur decke gerichtet und wütend-weihevoll gesagt:

»gras ist das haar der mutter erde.«




103_/69



















hauptwerk: solid shitbag ___ 2020
14,8 x 21 cm





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dein schwert als witz ___ 2020
14,8 x 21 cm





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hirn mit ei ___ 2020
14,8 x 21 cm





samstag, 17. oktober 2020, 10:43

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997
»der kurze sommer der flora marian«


1

ich verließ den schachclub, strich meinen namen von der liste auf der anschlagtafel im stiegenabgang zum souterrain: dieses kellerlokal roch nach männerschweiß und dusch-das-odeur. hier trainierten auch die tischtennisspieler, anverwandte geister... / ––– ich kam nie wieder.

ich ließ meine arbeitskollegen zurück, kündigte ohne erklärung. – bald schon, malte ich mir aus, würde mein name in diesen büros nur noch sporadisch auftauchen, als bürokratisches überbleibsel, in e-mails, in gesprächen, solchen, die notwendig waren, unfreiwillig, wesentlich farblos: arbeit.

ich verkaufte mein fahrrad.

ich tauschte meinen namen gegen den eines lange toten, den niemand kannte.

ich promenierte an den stränden der côte d’azur, spendierte einen kaffee hier, einen aperitif dort. ich kleidete mich in den farben der saison, ließ mir die nägel machen, beobachtete meine anziehungskraft auf die geschlechter. ich änderte mich.

2

ihr name war flora. sie schlüpfte aus einem ei, stieg eine treppe hinab, schritt zu einer minimalistischen musik ein. ich hielt ihr die hand hin; ihr name fiel. ich sagte den meinen (den neuen). ein lächeln besiegelte diesen tausch.

flora fuhr auto und kiffte ohne unterlass. sie trug glitzerlidschatten und krauses haar, geflochten zu zöpfen. sie hatte die porzellanmalerei asiens studiert, und die europäische haute couture (paris, mailand, berlin west). sie wedelte mit den händen, gestikulierte heftig, besonders dann, wenn sich von irgendwoher widerspruch zeigte: sie ließ sich provozieren, stöckelte wild herum.
ihr rufname war flo. ihre katzen hießen hinze und kunze (nach volker braun). ihr talent war der mut: sie ging ohne scheu und ohne scham durch die gassen ihrer welt (und bald auch durch die der meinen...). sie übte die meditation, und das wach-bleiben in der oper. sie funktionierte wie ein tier, kannte 22 leidenschaften, verblieb nie in ruhigem einverständnis, sondern verschwand, wenn es soweit war, immerzu mit einem großen ABER-ABER, das letzte wort habend, in die nacht: jeder abschied ein tamtam, jedes aufwiedersehen-sagen ein großes thema: und vielleicht ein problem.

3

f-f-f-flora, kündigst du dich an, wenn du kommst? legst du mir einen zettel unter den stein, damit ich weiß, dass du schon da bist? soll ich auf dich warten? soll ich wieder geh’n?

meine ratlosigkeit war ein zu enger schnürschuh: sie schmerzte mich. ich tanzte nach floras pfeife wie ein... wie ein... wie ein idiot! – kurz nach mitternacht schleppte ich mich zur tankstelle, um kekse zu kaufen, und schnaps. und katzenfutter. tagsüber traf ich ständig vorbereitungen. abends war ich bereit. bloß geschah meistens nichts. ich wartete. ich hielt die suppe warm. tropfte mandarinenöl in die duftlampe, tauschte die kerze aus. sah auf die uhr, warf mir, unterkühlt ein wenig, einen bademantel über (ich war ja fast nackt). hektisch kontrollierte ich die nachrichten; wieder kein anruf, dann ein geräusch; achso die katze; ein schluck aus der flasche, irgendwann nickte ich ein. (was war das für ein leben?) (eines in sexueller abhängigkeit – ?)

4

f. teilte kinnhaken aus, ritzte ihre initialen in zwei bauchdecken, spendete schläge in den magen, eine watschn, einen hieb, einen satz, einen satz heissssse ohrn, einen tritt in die kniekehle, einen zweiten: haute, haute, haute, schlug, peitschte aus, würgte rein, wischte weg, hantierte mit der nagelfeile: rrrrrr, rrrrampffff. –– f.s gewaltphantasien waren zahlreich, bunt, laut, an bud spencer-filmen geschult: sie träumte diese gewalt und schrieb sie hinterher auf. abends saß ich allein im kerzenschein und las mir selbst laut aus diesen aufzeichnungen vor: dazwischen stammelte ich – mein verhalten konsequent selbst beobachtend: meinen alten namen. (war ich ein erbärmliches bild? ein mensch als bild?)
f. kannte meinen alten namen nicht.

5

zwei wochen später, auf dem weg nach mailand, verschwand ich: warf mich hinter der autobahnraststätte ins gebüsch und kehrte nicht wieder –– / war und blieb:
auf allen zwei beinen
allein



sonntag, 11. oktober 2020, 16:32

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997


ich war einmal ein nebenschauplatz, ein oft gescholtener austragungsort: für komplizierte menschliche gefühle. ich war ein durchgang, ein hinterzimmer, ein dachboden, ein foyer. ich war all das. und ich war ein anderes. ich wechselte, ich ertrug die vielfalt, litt heimlich unter der menschen leidenschaft und zorn: man schmuste auf mir und spuckte auf mich, man trat die kaugummis flach und legte die werke der heiligen aus – bis man verschwand von mir – und ich zurückblieb als reißbrett, als leerer raum in der welt. für meine »tätigkeit« erhielt ich einen spärlichen lohn (ausgezahlt in ölfässern), den ich zu zwei dritteln der wohlfahrt spendete. mit dem anderen drittel, meinten meine feinde, machte ich mir ein »schönes leben«. nun ja, sie lagen so falsch nicht: ich lebte es. ich lebte es aus.

• ••
••• •• •


•• •

wenige jahre später änderte ich diese existenz und ritt seither jeden morgen auf wechselnden ponys zu einer schule, die mir die weberei beibrachte, und den buchdruck. ich war ein strenger schüler, niemals ließ ich meine lehrer gewähren. das brachte mir fans ein, und ein hartes leben in nähe der lehrerzimmer. ich lernte mit händen, ich lernte dazu.

••
• ••

meine mutter war zu jener zeit die allwissende erzählerin in meinem leben: sie schickte mir videobotschaften aus ihren ländereien, ließ mir die bänder per eilbotin zustellen. zusammengenommen ergaben diese »messages« ein verzerrtes bild: ich schälte ratschläge und kritik aus diesen botschaften, und modenschauen. ich sah eine frau, die ihre tiere liebte wie sich selbst, und eine dame, die weite transparente blusen trug. sie zeigte sich mir im whirlpool. und in ihrer bibliothek. sie erklärte mir in hüfthosen den vietnamkrieg, und das spitzenklöppeln. ich nahm all das zur kenntnis – und formte das für mich wesentliche aus dieser sozialen konstruktion:

ich begann ein verhältnis mit der eilbotin.

es war die arbeitskleidung der botin, die mich von beginn an in einen wirren bann zog: ihr spitzer hut kam mir frivol vor (ich kannte die sitten und gebräuche des eilbotinnenwesens nicht!), ihr schnürzeug um die taille versprach ein mittelschweres geheimnis, das tüllknäuel hätte ich ihr eigenhändig von den schenkeln gerissen – hätte nicht ein fingerschnipsen ihrer selbst all das gewerke fallen machen, als ich einmal meinen mut zusammennahm: und ihr einen coupe dänemark spendierte. kurz danach lagen wir flach.

noch heute denke ich, trotz aller schmerzen, gerne zurück an die flanken der eilbotin, und an ihre technik. sie war eine anerkannte spielerin. schleiferin. gymnastin. postmodernistin. gespräche mit ihr pflegten in einer fragenkaskade zu enden, deren gewicht schwer wog: man krümmte sich im allgemeinen unter diesen gesprächsenden, man knirschte. ich übersprang deshalb oft dieses ende. und legte mit ihr von vorne los. hieran klammern sich meine erinnerungen.

meiner mutter, die all das mitnichten vorausgesehen haben konnte, überbrachte ich eines nachmittags einen blumenstrauß – als dank für einen zufall, für einen wink: für mein glück, das – ich ahnte es – nur auf zeit bestand. mutter hockte hart und eisern vor mir, vor meinem strauß: sie verneinte die blumen, verneinte diese verbindung und entwickelte stante pede eine unschöne eifersucht: ihre videolieferungen stellte sie ein. ich versank in trauer, mit gummistiefeln stand ich im schleim meiner weggewischten wünsche: ich weinte ihr nach: der zustimmung meiner mutter, einem gutheißen; rang um eine widersprüchliche liebe, die mich einmal getragen hatte, die mich, ablehnend zwar, immer noch trug: ich zitterte, ich gab das backgammonspiel auf; eine shisha-sucht bemächtigte sich meiner geschrumpften seele: etwas hielt mich, knebelte mich, ich sponn mich ein in ein winseln, das mich fortan kleidete: auf diese weise, den fakten nach nackt, verfasste ich einen gedichtzyklus, dessen wert ich ganz richtig einschätzte: er war wertlos.

ich sah die eilbotin nicht wieder.

• ••

ich rüstete ab. ich verkam. ich trug dosenweise puder auf, um meine ungestalt zu kaschieren. ich lag als verwirkte fläche da, als leinwand in falten: ich zeichnete das bild der eilbotin in mein eigenes gesicht. ––– ich wagte nicht, ihre geschichte zu erzählen.





samstag, 3.10.2020, 14:45


liebe seher,

dieses schreiben geht an euch,
die ihr für mich einsteht, und an euch,
die ihr mich schon ersetzt habt, während ihr noch vorgebt: 
mich zu vertreten


// ––– ihr seid zirkustiere. wendige wesen. euch zieren enge hosen. und schlapphüte auf dem kopf.
eure extremitäten glitzern, ihr seid behängt mit billigem lametta hier, mit teurem scheiß dort. ihr negiert den unterschied. ihr wollt keinen kennen.
ihr sprecht besonnen über das, was euch recht gibt: „erfolg“. – ihr streicht das sofort wieder durch: schneidet einen rahmen aus papier für eine negation, die euch definiert. ihr nennt es selbstbestimmung. (eine dialektik, die euch befreit.)

ihr füllt konzertsäle: eure „performances“ die videotheken. festplatten. geheimen depots. und die öffentlichen.
eure präsenz beschäftigt eine ganze öffentlichkeit: was planen sie? was wollen sie? wohin gehen sie: mit uns? <> man befragt euch. ihr werdet ausgelegt. es herrscht ein spektakel um euch: ihr legt nach. dreht lauter. <> es ist das ergebnis einer übereinkunft: es gibt euch. und es gibt die, die euch kommentieren. alle aber erzählen. in rage. aufgewühlt. in begeisterung. überdreht. <> ihr seid ihr. ihr werdet älter. alles wird mehr. man häuft es an. [es wächst mir über den kopf. ich sehe euch zu.]

ihr hält eure ohren an einen riesigen telefonhörer: er ist bespannt mit orangenem samt, baumelt von der decke. ihr macht einen witz. es ist slap stick: ihr tut so, als wäre eine fiese stimme in der leitung, als riefe euch ein herrscher an, ein autokrat. ihr macht euch lustig über seine kleingeistigkeit. schneidet grimassen. ihr tut so, als würdet ihr den samtenen hörer stemmen. nach oben. als wärt ihr bodybuilder. dann wieder hängt ihr euch an die muschel und schaukelt im raum [ich vergaß zu erwähnen: der raum ist eine dunkle bulgarische kirche: unscharfe lichtkegel in ernster düsternis...]. man filmt euch mit kleinen kameras, befestigt an lustern, monstranzen, religiösem gerät. ihr spielt mit den linsen. mit dem nichts dahinter. mit uns.

später schneidet ihr diese aufzeichnungen auf 13 minuten zusammen: man sendet sie im hauptabendprogramm. davor und danach zeigt man gesprächsrunden: man leitet euch ein, analysiert euch hinterher: wie haben sie das gemacht? wie haben sie das gemeint? und: wie können wir darüber reden? /... / ___ jemand nennt euch „verrückt“ oder: „bisexuelle aliens“. jemand nennt euch „berserker der kunst“. eine moderatorin meint, sie wolle kinder von euch. 2. ___ es ist ein witz. ___ ≤≤≤≥≥≥ ___ es ist zum heulen. ___ jemand weint.

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[ich zerstörte mehrere seiten dieses offiziellen schreibens in einem furor, den ich später nicht mehr verstand. ich rekonstruierte das geschriebene als melodie: ich summte es, wollte es komponieren. ich fuhr mir dementsprechend tonal durchs haar. machte mich bemerkbar durch die art, wie ich die schublade meines nachttisches öffnete und schloss. ich erfand einen rhythmus. ich blieb nicht bei mir. ich entäußerte etwas und kam auf keinen punkt dabei. ein tier vor dem fenster musste verstanden haben, dass mein treiben etwas meinen wollte, etwas bedeuten (und nicht so recht fähig war dazu): ich kommunizierte für diese spezies auf 1 (einer!) ebene verständlich. ich erahnte es, als eine meiner aberwitzigen pointen quittiert ward mit einem tierischen laut. (so, redete ich mir ein, ging das lachen dieses tiers.) ich wollte erleichtert sein, mich freuen, etwas in mir entspannen, und verlor stattdessen das gleichgewicht, kippte von der matratze: ich war wieder arm und versehrt und einer hilfe bedürftig, die mich verriet: an eine welt, deren teil ich nicht mehr war. nicht bin. –– ich deutete all das in großer erregung. ich missdeutete all das kolossal. ich interpretierte teile, episoden, unfälle aus meinem vorleben (der existenz vor meinem eintritt in diese anstalt) im kontext des soeben geschehenen. ich konstruierte verbindungen, legte zeitachsen schief und quer. ich war ein psychotherapeut meines lebens. nein, ein entfernter verwandter vielmehr, der wenig verstand: weil man ihm nichts erklärte. also verdrehte er unablässig die bänder. die fäden. ein knäuel entstand. er präsentierte es auf einem silbertablett. – es erwuchs daraus nichts.]



××× –– ×




darum:
kommt der welt abhanden,
es ist und ward höchst an der zeit --
legt zurück das amt des herrschens (alias des lebens) und
kippt den rest über den großen, grellen rand


weiß für euch
euer

1. klasse-heini:
ritsch-y





103_/66


babsi träumt, dass du sie siehst
(wie sie ein paket verschickt: a box of shit).
im traum fixierst du ihr drittes auge
i.e. eine pickelnarbe frei wandernd unterm hirn.
/ das auge frisst dich. /
(nicht größer als ein auge erinnerst du das auge:
an eine jakobsmuschel –––)




103_/65



o.t.
(aus der serie ›große maschinen‹) ___ 2020




103_/64















»MAMA, ICH WAR'S NICHT«
(praktische anleitung 4: unten liegen) ___ 2020




103_/63



















praktische anleitung 3: schneiden ___ 2020
148 x 210 mm




103_/62



















oh (auftritt: lügenbaron)
aus der serie ›große maschinen‹ ___ 2020




103_/61



















unser sittich pieksie ___ 2020
148 mm x 210 mm




103_/60



















crucifixion, 2 minutes ___ 2020
148 mm x 210 mm




103_/59



















f.f.o. (finally fuck off) ___ 2020



103_/58



















große maschine (gran máquina de mentira) ___ 2020



sonntag, 24. mai 2020, 10:19


ich ging ohne zeugen, ohne ein aufsehen. wie ich die spektakel zeit dieses lebens gemieden, ja vielleicht abgelehnt hatte, so, auf diese weise ging ich: still. und ohne mitwisser. kein zeugnis ablegend; keinen brief, keine kassette, kein file hinterlassend. nichts erklärend. kein hinein-gerede in einen abschied sollte noch eine alternative anzeigen, wo ja doch nur, von anfang an, alles versäumt, nichts am rechten platze gewesen war. /

in den stunden zuvor wanderte ich rastlos die avenuen auf und ab. der unruhe mich ergebend, schwitzend. schwer in den eigenen beinen stehend. als wollten wurzeln von unterhalb mich halten, als hätte mich eine irdische polizei festhalten wollen, auf ein revier bringen, ausfragen: wer sind sie und wohin wollen sie ? ja wohin wollen sie denn und wer sind sie überhaupt ? ––

die schönheit der vorbeiflanierenden menschen berührte mich noch, ich gestand es ein. die frisuren. diese unablässige, vielleicht aufopfernde energie, dieser optimismus, der sie jeden tag ihr haar entwirren, kämmen, begutachten ließ, sie jeden tag das eigene aussehen aufsetzen ließ wie lack. ein make-up des ganzen, des gesamten, jeden tag aufs neue beginnenden daseins. ein aufwand, den zu meistern, zu leisten, den abzuarbeiten für mich bloß als gedanke schon ins groteske reichte. und der doch so verbreitet war, dass er wirkte wie ein amboss als norm. wie eine norm als amboss. wenn sie fiel. ja wenn sie denn niederging. kabumm.

das alles trug sich zu, als ich noch da war. solange eine sonne schien. für die kellner. die trafikanten. die ladenbesitzerinnen. die vorbeigeher, die spaziergänger. für die, die mich nicht beachteten, und denen ich doch vor die füße stolperte: als eine gestalt im speckigen gilet, unrasiert, sich vernachlässigend vielleicht. schäbig-bourgeois, unvernünftig, einer guten kinderstube zum trotz. mit den besten voraussetzungen – und sie alle verschwendet habend: eine müde tickende uhr jetzt, die durch die straßen kullert –– ° –– ein auge als uhr. ein körper wie eine iris. und dann wieder wie ein gefällter baum, der bald nur noch holz ist, brennholz, ressource; der zum material geworden laut einen abgesang schreit, während ringsum alles dröhnt, was dröhnen kann: moment!, das war doch die welt!!?, sagst du dir, und hast sie schon vergessen. ihr dröhnen erreicht dich nicht mehr; und so fragst du dich, ob es überhaupt existiert. – ja und wenn es nicht existiert: was kann es dann gelten ? was gilt es dann ??


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.
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»you must make your death public«

(chris kraus)





103_/57



















große maschine:
höllenmaschine___ 2020




103_/56



















teile, parts (finger als mittelfinger) ___ 2020



103_/55



















teile von minnis gesicht sind
runtergefallen (nr. 4) __ 2020
54 mm x 80 mm




103_/54



















schamgegend (nr. 2) __ 2020
54 mm x 80 mm




103_/53



















den fuß waschen (nr. 1) __ 2020
54 mm x 80 mm




103_/52



















praktische anleitung 1:
faust, loch, kopf ___ 2020




freitag, 1. mai 2020, 8:58

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997


mein rucksack, ich wusste es, war zu klein für diese art von reise. wir würden ja doch nur in billigshops landen, prophezeite ich, wo wir uns unterhemden würden zulegen müssen, wäsche, fernrohre und instantnudeln. so kam es auch, fast.

wir waren noch nicht aufgebrochen gewesen, da verrückte cindy die falsche braue am oberen ende meiner »geographie« (so hieß der teil von mir, auf den ein steiler abgrund folgte, der jedenfalls nicht mehr zu mir gehörte): sie verschob diese braue nur ein kleines stück weit. ein wenig nach links. und hatte recht damit: ich sah so besser aus. zum dank legte ich ihr ehrfurchtsvoll die hand auf die schulter und zündete ein licht an :: durch das aufsagen einer zahlenkombination, die nur cindy entschlüsseln konnte (ein zeichen der feierlichkeit, ganz eindeutig), ließ ich sie wissen, dass sie mir teuer war, ein aufmerksames wesen – inmitten einer welt, die die augen im allgemeinen fest verschlossen hielt, die stur wie ein kind war, das den abfall nicht sehen wollte, das verbrauchte, die falschen brauen, die irgendwann weggeworfen wurden, weil sie nicht mehr richtig klebten. (was für eine unverhoffte ansprache!, ich genierte mich später dafür.) – cindy, im gegenzug, sprach ihren spruch: ich tue dir nur, was du mir tust!

wir kamen erstaunlich schnell voran an diesem ersten tag, mit unseren rostigen rollern, die nur geliehen waren, oder vorläufig gestohlen. wir schlugen uns an einer raststätte die bäuche voll und cindy scherte aus, um einen flüchtigen flirt mit einer truckerin zu suchen, die ihre piercings trug wie andere die falschen brauen. ich sah dem getue zu und ritzte einen strich in den rostigen lack meines rollers.

50 kilometer alias 3 stunden später nahm uns eine leuchtende stadt in empfang: wir legten uns in die kurven ihrer straßen, streiften zärtlich ihre mauern und begrüßten sie unsererseits mit lautem, kreischendem hallo. (sie hatte uns zuvor schon schüchtern berührt, was so viel hieß wie: da seid ihr ja. ich grüße euch.)

nach diesem geplänkel landeten wir in einer der spielhallen, von denen es hier nur so wimmelte –– wir waren, wir wussten es, im landkreis der „zuhörer“ gelandet: dieser war, so ging die meinung, bewohnt von einem hinterlistigen volk, genoss aber nichtsdestotrotz in übersee einen ausgezeichneten ruf: der rigorosen imagepflege der imagepfleger wegen. – die stadt jedenfalls war nur formal teil dieses landkreises, hatte sie sich doch in jeder anderen hinsicht längst einer sog. „charta des inneren exils“ verpflichtet, was so viel hieß wie: sie wollte mit den „zuhörern“ nichts zu tun haben. – das heftige glücksspiel aber war ihr, als ein relikt aus der zeit vor der lossagung, geblieben.

kaum in der rosa ausgeleuchteten spielhalle angekommen, drückte ich so viele hebel, leckte an so vielen würfeln, dass mich der schwindel überkam. zur rast gezwungen sank ich ein wenig gewollt exaltiert nieder (ein fall von übermut): von der sofalandschaft aus, die für nichtwisser wie mich in der halle bereitstand, beobachtete ich cindy, die spielte als
–––∆ ––– gäbe es kein morgen. ja: es war cindy, die die goldenen jetons in die schlitze stopfte – in mengen. die dem barkeeper zuflüsterte: »bring it on, my son!« die sich zitate von kriegsbemalung ins gesicht schmierte. die den zeigefinger immer weiter in die höhe gehen ließ (was man hier, dem himmel sei dank, nicht verstand!). die das becken schwang, sich wie ein kreisel drehte, wohl den mittelpunkt suchend. – hmm, alles klar, dachte ich, die euphorie des spiels hatte sie erwischt, sie war „gepusht“ geworden. und siehe da, sie riss sich die federn vom hut und hüpfte statt zu gehen (sie trug federnde sandalen). meine güte, dachte ich, jetzt geht sie gleich über –– ∆ ––– diese linie, die auf dem teppichboden mit kreide gezogen war: dick und gelb und orange. – huch!, jetzt war sie schon drüber.

danach ging alles, wie man das oft in filmen gesehen hatte, ganz schnell: die casinoleiterin kam durch einen rosenbogen gelaufen und legte cindy eine schleife um: sie habe das große LOS gezogen, sagte sie, sie sei nun ehrengästin dieses potenten spielcasinos. ein stein in der nordwand würde ab heute ihren namen tragen: für immer. cindy kicherte. dann wieder wurde sie ernst: sie begann eine wortspende; die filialleiterin hielt ihr dabei sogar das mikro vors gesicht: cindy dankte allen, die dies ermöglicht hätten, und zählte eine ganze reihe erfundener namen auf. ich kugelte mich in den sofakissen. gleichzeitig aber befiel mich eine fiese ahnung.


als wir zum parkplatz zurückkehrten, wo wir unsere roller vor stunden zurückgelassen hatten, fand ich den meinen mit einem zweiten strich im lack markiert. – ich verfiel in heftige unruhe ––
was ich sah, sorgte mich



freitag, 1. mai 2020, 8:04


liebe wähler,

wenn ich gekrümmt gehe, fällt die welt ein. es ist ein erfahrungswert, den ich sammle und der mir, so glaube ich, noch einmal wertvoll sein kann. – was meine unteilbare seele betrifft, so stelle ich fest, dass das, wodurch sie noch berührt werden kann, vielleicht eine trance ist, ein zauber, ein trip. den körper verlassen: ja. zurückkehren in den fehleranfälligen hautsack: nein! und so reise ich erst gar nicht los. nicht, weil ich gehemmt bin. sondern weil ich den ausgang kenne, das sogenannte ende.

ich lebe noch in der vorstellung von einem lohn der prüfung, einem höheren grund, von der sinnhaftigkeit des opfers. – ihr habt euren ritus, ich den meinen. – ich entferne mich peu à peu von meinen alten erwartungen. und vielleicht solltet ihr das auch tun. – ich jedenfalls bin der henker, und das beil, und der strick, und die vögel, die dazu singen. mut! courage! selbstdisziplin! und endlich schluss mit der existenzangst!: sie ist ja doch nur ein vorläufiges drama.

meine körperwunden, kann ich euch wissen lassen, versorge ich mittlerweile selbst. das kam so:
ich sah einen menschenaffen im waldstück des südens (es ist dies dasjenige der 3 waldstücke, das umsäumt ist von einem weitläufigen parkplatz).
ich „verhielt“ mich zu dieser begegnung.
das resultat war ein sicherlich perverser kontakt: der haarige leckte mir irgendwann das eiter aus den wunden. – ich ertrug es. und interpretierte es später: ich verstand es als „laune des sommers“; oder doch als verschlüsselte botschaft ?

helfen mir denn diejenigen, die mir geschickt werden – wie dieser haarige sohn ? (ist er denn verrückterweise ein wiedergänger der katharina v. siena?) oder sind diese besucher phantome, die nur so tun, als würden sie etwas tun ? und ich verblute währenddessen? – nein..., nein: das hätte ich doch gemerkt!

seit der begegnung mit dem affen jedenfalls lasse ich die pfleger nicht mehr an mich heran.

und manchmal spüre ich, dass mein geist reißt.

geht also, meiner eingedenk, nicht unbedacht über die schamgrenze
eures

richie



donnerstag, 30. april 2020, 9:02

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997


aus eis und schnee
cindy la maine stöhnte auf, geplagt vom gewicht ihres geheimnisses: sie war eine schlittenhündin, die ein schweres bündel – arbeit!, schufterei! – hinter sich her zog. genau genommen, man konnte es auf den satellitenbildern aus dem all gut erkennen, waren es viele geheimnisse; ja genau genommen hing am ersten ein nächstes, und an diesem ein weiteres, und so weiter, und immer so fort. widerwillig zog cindy diese lange kette durch einen kanadischen wald, auf schmalen pfaden, dann wieder durch verschneite weiten, einem fremden alaska entgegen. – eine geschicklichkeitsübung?, nein!, eine strenge prüfung ihrer geschicklichkeit.

wenn sie in der abenddämmerung einen schlafplatz zur nachtruhe suchte, kalkulierte cindy ihren anhang mit ein: suchte nach einem flecken erde, der sie alle beherbergen konnte, der platz genug bot für das zelt, in dem sie schlief, und die große plane, auf der die geheimnisse sich niederließen. nur so schließlich kam sie zu jenen 5 stunden schlaf, die sie benötigte, um dieses weltverhältnis aufrechtzuerhalten.

eines nachts zog eines der geheimnisse eine axt aus der brusttasche und metzelte alle seine geschwister nieder. das blutbad fing die treue plane auf. sie hielt die fakten zusammen – und sicherte die unversehrtheit, die reinheit des schnees ringsum. beim anblick der toten leiber (der abgestorbenen materie) wuchsen cindy eiszapfen aus dem gesicht, horizontal in die welt hinaus, wie kleine sendemasten, die nach einem signal suchten, das genau jetzt antworten hätte geben können: wo war das mordende geheimnis hin?, hatte es sich selbst gerichtet?, sich ausgeschaltet, als eine art vollendung, ja krönung des getanen? oder war es geflohen?

cindy spürte ein ziehen auf dem rücken. es war ein schlitz, der sich öffnete, eine tür, eine kleine pforte, die aufging. es war keine axt, die ihren körper aufschlitzen, zerschlagen, sprengen hätte wollen, nein: es war das geheimnis, das sich ihr von oben in die eingeweide bohrte, fast behutsam, ohne grobe gewalt: ein jedenfalls noch lebender eindringling, vielleicht einem polypen ähnlich, der sich einnisten wollte. für vergleiche aber, die das verständis einer situation wie dieser in actu hätten befördern können, blieb keine zeit, blieben keine nerven: das geheimnis drang immer weiter vor, ja zur gänze ein; die öffnung schloss sich wieder – und alle fragezeichen prasselten auf eine einzige hündin nieder. ∞∞∞∞∞ cindy, ausgestattet mit instrumenten, die ihr auf ihrer expedition schon auf die eine oder andere weise nützlich gewesen waren, überprüfte ihr gewicht auf einer körperwaage: ja, sie hatte zugelegt. eindeutig schwerer als vorher erbrach sie urplötzlich einen batzen gelben schleims in den schnee. das war das ende der reinheit.

ausgestattet mit einem nachtsichtgerät, das ihr eine traube willfähriger grenzpolizistinnen einmal nach einer durchzechten nacht überlassen hatte, hatte eine elster das treiben schon die ganze zeit über von einer tannenspitze aus beobachtet.
sie war es, die die behörden informierte.



mittwoch, 29. april 2020, 17:14


liebe verdämmernde,

es ist weltnacht. ich kann es fühlen.

ich habe aufgehört, meine briefe von hand zu schreiben. ich knie stattdessen vor den schirmen nieder, die unter dem patiententrakt dieser anstalt ihr dasein fristen. ich begebe mich in den keller, in einen brummenden „computerraum“, lasse mich zurückversetzen in eine zeit, in der die geräte noch weggesperrt in kammern vegetierten, in reih und glied aufgestellt – maschinen unter maschinen, maschinen: noch laut und grau und maschinengleich!
nach getaner „arbeit“ lasse ich sie, wie früher, zurück und bin – wie es kaum gelingt und wie es kaum je gelang – wieder bei mir. keiner von ihnen. stattdessen einer von »uns«. – es ist ein schmerz in der schicksalsgegend, der mich erfasst, wenn ich daran denke zu euch zurückzukehren (eine unausdenkbare rückkehr).

(warum ich zuflucht zur tastatur suche? zum heißlaufenden gerät? – nicht, weil mich fröstelt.)

es ist weltnacht. ich opfere den körper.

wie katharina von siena höre ich schrittweise auf zu essen. meine diät wird sanktioniert von allen gesetzen, die ich auslege, die ich wiederhole, umschreibe, auswendiglerne. ich behellige meinen therapiestab damit nicht. ich weiß, man würde mich zurückhalten wollen, im land der hände, der begehrlichkeiten, des tätigen tuns.

ich schwöre der hand ab. es ist dies kein heiliger akt. es ist nur ein vorgang, den niemand sieht, niemand bemerkt, und den ich nur euch zur kenntnis bringe. – ich faste. ich verneine den körper. er wird es mir nachsehen.

als anorektischer kubus (der form des bettes immer ähnlicher werdend), als menschliches überbleibsel, das ich bin, transzendiere ich schon alles, was warm ist, was erhitzt wurde, worin einst energie floss (das gekochte, die „kultur“).

der widerstand, der mich an euch band, verflüchtigt sich. ihr werdet kleiner. –

nein, ihr seid schon klein,

weiß
euer
richie



sonntag, 26. april 2020, 12:02

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997


verlustanzeige
ich war ein haus, das vom alkohol abhing. vom vitamin c. von der ertüchtigung. ich war ein teil, angeschlossen an teile, in abhängigkeit ausgeliefert ihrer nachsicht (ihrem mitleid). ich war schwer und ungraziös. ich beschrieb mich als »stillstand«; ich verzeichnete nur noch verluste. ich hielt an mir fest, aus gewohnheit, aus sehnsucht, aus melancholie (ich bewahrte mich in mir selber auf, gab mir viel raum; ließ mich nicht gehen. – ich war diese zwei. das aufbewahrende, das aufbewahrte.)

ich war ein haus mit räumen.
ich zeichnete in jeden dieser eckigen räume ein rundes gefäß. und ein gefäß in jedes gefäß. – ich betrank mich taub. schon war ich wieder schwer. und ungraziös.

ich hatte von teilen phantasiert. es gab sie nicht. (die abhängigkeit von ihnen war – wieder, es war mir schon passiert – ein phantasma; ich gab ihm ausdruck in einer schmerzensmusik, die ich machte: ich dilettierte am piano, an der gitarre, an der triangel – überall. ich stieß schreie aus. sie wären sicherlich weithin zu hören gewesen, hätten sich dafür ohren gefunden, große hörprothesen, riesengroße „messanstalten“, die diesen schall hätten verzeichnen können. – aber auch das war ein eitles phantasma: ich schrie wie alle. ohne besonderheit.)

im traum erschien mir ein mit hellem holz ausgekleidetes zimmer, darin ein aus holz gebildeter kreis, mit einer öffnung : an dieser stelle schlüpften die menschen ein und aus – hinaus und hinein ins holz. sie bildeten dort spontane gruppen, tauschten ideen, waren fröhlich, ja strahlten. (hinter jeder dieser figuren strahlte vielmehr „es“: hinter jedem kopf befand sich ein leuchtender kreis oder ein oval; als wäre ein heiligenschein nach hinten, nach unten gerutscht: ein solcher heller hintergrund umgab jeweils einen kopf; alle menschen waren außerdem blond. alle menschen trugen außerdem breite (mobile) krägen, an verschiedenen körperteilen: eine verspielte mode schien darin ihren ausdruck zu finden..., ein zeitgeist.)

ich zeichnete ein holzoval an eine meiner wände: das fertige bild schien ein ufo zu zeigen, das mir gegen die stirn fliegen, sich gegen mich wenden könnte : ich war diese zwei. das zeichnende, das gezeichnete. – es könnte mich treffen.



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aus der prothesenkammer ___