22/30


neue moderne

wo hickhack und die hetze herrschen,
legt kein glacé mehr sich ums händchen, nimmermehr.

wo an der leute, humans, bodies stelle
die sneakers, boots und phones und lotions unserer bedürfen:

berühre ich noch heimlich kolonien lebendiger, beseelter,
tiere,
deren hautkontakt ich ersehne,
als ob ich eins wäre.




23/30













                                                         / pittsburgh 2018





24/30


paisatge

da drüben die senfbräute
und die moskitos als gaukler,
am horizont die wolkenbilder: gelesen, verstanden
& reingeschrieben in garamond-schriften mit koketten schnitten –
und dazu die rahmen, die umgrenzungen, die uns angenehm sind – / ja da:
alles das.

/ ich sage:
ich heile nur langsam
wie eine wunde, die ein krater ist
an deren nordrand ein troll sitzt
der döst und am salzfass lehnt
›wie arbeitslos‹ –




Alin


die augen gehen nicht nach rechts,
nicht nach links,
denn dieses bild:
ist in front.
und in der hand.
geradeaus,
jetzt  /

später ein anderes: viele.
eine fotostrecke als erinnerung an den tag zu dritt im park. zwei stunden freizeit: und 50 bilder. alle 2 minuten ein bild. nein, nicht ganz; aber immerhin: so oder so ähnlich geht der takt – als ein rhythmus dieser art zu leben:

Alin.


im rückblick scheint manches banal, zu einfach: zu wenig speziell. wie diese bilderfolge: wenn sie zu wenig erzählt. – als gegengift kommen immerhin die farben, legen sich über die bilder: tun es, ja es stimmt: fast wie von selbst; und doch helfen erfahrene finger, und das bild, das einmal rein und fast schon wieder artifiziell war, in dieser nüchternheit, denkt Alin, dieses bild bekommt jetzt seinen schmuck:
den firlefanz:
den filter.

Alin zeichnet sterne, flugzeuge, muffins, ganze einhörner in die gesichter ihrer freundinnen. sie legt notenzeichen in ihre gedankenblasen, eine reihe fragezeichen, viel interpunktion.
sie beschreibt das kichern, das zu sehen ist, mit buchstaben, nein: sie widerspricht diesem kichern: macht die bilder komplizierter dadurch, mehrdeutig: naja zweideutig vielleicht. – so jedenfalls geht dieser spaß:

Alin.


/ was passiert? 

Alin macht ein bild von sich,
setzt ihm seinen balken auf, zieht ihn über:
wie ein riesengroßes minus, das aber nichts durchstreicht: im gegenteil.
es sagt: 
vergiss die bilder aus dem park!
vergiss die fotos von dann und dann!,
denn dieses bild:
ist jetzt /
und es zeigt:
einen flughafen
ein mädchen im trainingsanzug:
gelbe streifen, blaue streifen
embleme, logos, farben
blond-sein, eingecremt-sein. – /
dieses bild ist erzählenswert:
es zeigt Alin. /
ein anderes wird ihm folgen. –
jaja eines
sagt es
eines
das: 
folgt immer. //

+ + +

zurück zum bild von vorhin, das sich nicht aufdrängt, nicht aufdrängen kann: ihm fehlt die bewegung, die schrift, der kommentar. also tippt Alin, und löscht, im gehen:
tippt,
und tippt
– und löscht:

.. bis die ausrufe die wörter ersetzen, oder: bis ein halbes wort durch ein schreiendes herz bricht, durch einen lachenden roboterkopf. bis das eichhörnchen die nuss gefunden hat, und die notenschlüssel aufgeblasen sind, bis sie platzen. dann nämlich kommt die tsunamiwelle groooß. und der tausendfüßler schlängelt sich durch. und die augen werden weit, verformen sich, und der blick springt über. und alle gegenstände ringsum: bekommen jetzt einen bart. – fast, weiß Alin, fast perfekt. 


// das unwiderstehliche dieser bilder:
ihre schönheit –

Alin.

& ihr unvermeidliches:
die unmöglichkeit nämlich, nicht auf sie zu reagieren, nicht zu antworten auf ein bild – mit einem bild.

+ + +

die menschen am flughafen machen Alin platz: sie trägt ihr trainings-trikot nummer 2 – so wie die anderen aus dem team. – diese truppe: sie tritt auf, ist von weitem schon zu sehen.

Alin schiebt den linken kopfhörer ein stück weiter ins ohr. sie geht lässig, verbirgt die müdigkeit, verbirgt, dass sie fünf ganze spiele intus hat, und manchmal sieht sie schmunzelnd zu einer neben ihr hin: deutet auf ihr display, sagt einen satz, schüttelt den kopf. lacht.

Alin ist auf dem weg nachhause. sie hat vieles aufgezeichnet. vieles dokumentiert. ihre zwölf körbe zum beispiel: die zeigt die statistik.
(dieser erfolg besteht aus zahlen; und die bilder ergänzen ihn.)
und noch bevor dieses wochenende vorbei sein wird, werden es alle wissen:
werden alle es gesehen haben:
alles sehenswerte.
alles, das gezeigt werden kann;
und alle, denkt Alin,
werden stolz sein
oder sich herausgefordert wissen zumindest:
zu einer antwort.
und diese reaktion, weiß Alin,
wird ihr labsal sein
und lindern die schinderei,
vergessen machen die trainingsstunden,
die meter,
kilometer,
die blauen flecken,
das angeschrien-werden,
die nassen haare in der nacht: 
diesen sport.


Alin nimmt ihren koffer vom förderband, geht durch die schleuse,
sieht die luftballons hinter der absperrung in der empfangshalle, die blumensträuße,
die vielen gesichter:
zwei meter vor ihnen bleibt sie stehen,
stellt das stand- und das spielbein in die gewohnte position,
greift in die hosentasche:

und macht ein foto.




25/30

emese:
emese liest in fabriktagebüchern, in exilromanen, in der poesie von leuten, denen vieles zugestoßen ist. sie merkt: diese menschen neiden den verschonten nichts. 

emese liest in den notizen verstreuter, versprengter. – es sind wilde biografien, die umso lakonischer erzählt sind: ruhig, in bescheidener haltung; gleichwohl beharrend auf dem recht, dies alles selbst zu sagen: das unwägbare, das unverhohlen gemeine, das unrecht, das geschehen ist und das weiter geschieht, das besonders ist und trotzdem ein tagesgeschäft.

emese macht sich notizen an den rändern der seiten, zeichnet pfeile, kreuze, schreibt kurze wörter, stichwörter auf. es ist keine kurz-, keine geheimschrift, die sie verwendet, es sind bloß ihre eigenen abkürzungen, enstanden und geschliffen über jahre des lesens hinweg: wer würde diese bücher einmal finden, sie verwenden? die annotationen enziffern? – und: was gilt das alles?, gilt es vielleicht nichts? 

26/30

sandro:
wer wischt mit den fingern über die bank? / geht emsig von reihe zu reihe? 
wer hat in equador sein herz schon verschenkt? / wem sind die eigenen schmerzen die lehre?

27/30

caro:
nennt mich nicht caro!, nennt mich monte carlo!

28/30


violette:
ja, es stimmt:
ich lebe in der vorstellung von prärie, von wüstenei, von kohorte.
ich lebe verliebt, verschwistert mit hyänen, verzopft – und mit ledershorts.

ich lebe mit kim, schlicht eingepackt in stroh und federn,
so schickt sie mir einen gruß vom sattel aus übers tal.
ich kann nur antworten in stumpfen stößen
(wo ich doch zärtlichkeit und kleinheit und fragiles will—)

ich frage: fahren wir noch einmal in ein anderes land?
es geht doch sonst in die binsen dieses verfranste leben, wenn wir nichts tun!
(hab’ ich denn die großen meinungen nicht gemeinsam mit kim?,
kann ich sie nicht überreden, mit mir zu geh’n?)

ich sage: ich will so groß sein wie diese wüste hier. – nein, korrigiert sie mich:
›du bist eine wüste, 
die mit sich selber spricht‹


29/30

simone:
erotikerin aus vernunft,
wichtigtuerin des bdsm.

30/30

chantie:
priesterin der großfeldsiedlung,
beneidet wegen ihrer leistungen im karaoke.

























futur 1

anguissola kenne ich nicht.
ich kenne nur straciatella und möhren für karotten und tingeltangel und vernunftkritik und heillos in die arme fallen. /

gentileschi kenne ich nicht.
ich kenne nur schwärmerei für büschel und zickenalarm und kitzler in der kritik. /

ich kenne nur eine anstalt, und eine andere,
eine vervielfältigungstechnik, durch die man verschwinden kann,
und eine kulisse in meinem kopf für den kulissenfilm meines lieblings:
für einen film, den es geben wird!, sage ich,
und noch einmal: 
für einen film, den es geben wird, sage ich:
einen film, den es gibt.







aloisia ging auf spitzen hacken – 
mit siebzig kein einfacher plan: 
die verwüsteten fernsehstudios so zu durchwandern
nach der «ersten großen plünderung».
die geschichtsbücher an denen die kröten schrieben 
(man sah ihnen zu am straßenrand)
enthielten die gegenwart als brutale umgebung
und mehrere sprüche in denen 
unser leben als eskalation beschrieben war.
dagegen sich zu wehren war zwecklos
sodass uns einfiel wir könnten statt das schrifttum der kröten zu beklagen
uns angleichen diesem text und die
ausnahme die darin so feierlich auserzählt war zum alltag machen unseres tuns.
so streunten wir hinter aloisa her durch die devastierten studios
aus denen kamerafrauen, redakteurinnen, beleuchterinnen geflohen waren
aus angst aus protest aus ennui -- 
wo scherben und zerbrochene geräteteile den boden säumten dort
ließen wir uns zum nachtmahl nieder und 
priesen aloisias avantgarde und ihre
milde führung durch diese tage und 
alles das sich uns bot






aus dem stamm der mittagstiere
eingewandert aus den vierzig städten
mit einer entourage aus läusen, stolzen bernhardinern
gewappnet für den kampf auf augenhöhe:
so schritten alle gremlins – heimlich schüchtern –
durch die schweren tore ein
ich fand den anblick der sich bot gelinde gesagt spitze 
denn so ein bild das gab’s auf den displays noch nie 






im multiplex – wie in den tausend spiegeln
sahen wir uns selber scharf und konturiert
es lag an dieser meinung über filme als zerstreuung
die aufgegeben werden musste und uns
bibbern ließ als große teile unsrer selbst

erschüttert so in einem alten wissen – wie
junge bienen, zarte fliegen und termiten
schwirrten wir wie blöd nur auf den innenseiten
als wollten wir die eltern als die schuldigen drankriegen
und vielleicht wuchs uns auch ein mut zu aus dieser kinderwut und ungeschütztheit
die sich als redemut zeigte jedenfalls bald: legt euch nicht an mit uns!, wir stecken in der PHASE: wir warten auf die nächste renaissance-!,
und weiter: an uns rutschen alle messer, alle kommentare
geschmeidig ab wie heiße himbeeren an antarktis, 
wie euer trost an hartem, striktem tun. 






die leiter aller irdischen filialen
vernebelten die welt mit preisgestaltung

ihre angestellten (=kinder) riefen unwirsch nach dem bühnennebel,
nach den alpaccas, die ihn frank & frei vertrieben: in flüssigkeiten, winzigen geräten

die kinder jedenfalls wollten abzwacken gewinne in der höhe vieler euros
als handelspartner waren sie geübt (siehe die schule und das börsenspiel als die methoden ihrer erziehung)

wie dieser handel ablief im detail das
erschlossen wir aus der erzählung der behörden

denn bühnennebel gegen kinderwährung war dem
wirtschaftsblatt nur eine nachrichtenzeile wert:

sie enthielt statt fakten eine allgemeine wahrheit
über den weltenhandel, geschmückt mit kapitälchen

besagend dass alle, die filialen führten in den nachbarschaften
zugleich den globalen thurst befeuerten, am leben hielten

durch vernebelung und handel mit dem nebel
stünden sie wie sinnbilder, wie abgegriffene gestalten

in der landschaft, die sie wirken ließ wie schattenriesen
sodass der lichter schein durchwirkte kaum 

ihr allernächstes tun.






im «buch der chronik» sollst du stöbern
du findest dort den heilen zwerg aus eis.
und doch ist es ein andrer gotteskrieger sondergleichen
vielleicht ein goldfisch en miniature
der dir zurät:
lass zurück das buch auf einer parkbank
(und damit auch den kalten troll darin)
ganz so als hättest du’s vergessen aus
verträumtheit und aus zufall –
sodass die zweite kleine seele die ich
pflanze in den park zur selben zeit
asyl gibt dem lausigen schinken 
und so fort --






verlass mich nicht du keilhafte gestalt --!
ich hatte dich wie einen hörer mir ans ohr gehalten –
hey zugegeben: es ist wahr!
doch wie musste ich bereuen diesen faux pas hinterher, wie!!
(vor publikum, vor den gefährten, vor eceteras pps, schamvoll) /

immerhin ich könnte abbitte leisten und dir
genugtuung verschaffen bis weit hinein ins nächste leben
in dem wir uns übrigens nicht wie waren die wir kennen
sondern wie neugeborene anfassen die nichts wissen – 
and having said this i choose to leave you behind instead






gelehrsame wirbel aus wind dir im ärmel
schlüpfrig und wissend zugleich eins durchzieh’n (!)
so weißt du bestimmt um die vermehrung der winde
speziell in den achselhöhlen und den kniekehlen denn
als naturgesetz geht dieses wissen wie trauma --
durch die generationen 






mir stand despair aufs stirnband schon geschrieben
da war ich noch ein welpisches modell
geschult im skeptizismus und erzogen
wie kapseln, ohne verve: hör!, sei!, soll!

geübter, ja verspielter in weltabgewandtheit später
verstiegen, dennoch lässig – weil ja kaum zu seh’n
verpflichtet in der hauptsache den felsen, den graniten
vernarrt, nein blindverliebt in moose – deren phantasien und ideen:

als herrschten über lebende und tote
regierungen aus farnen und aus sporn -- !
(so ging im moos die vielbeschworne meinung / herausgebrüllt am monatsersten – von sung-han aus dem rayon*)




*der sog. »rayon« bezeichnet in moosgesellschaften eine elitäre gruppe junger männer, deren wortführerschaft so lange unangetastet bleibt, bis sie eines tages – rituell, aber nichtsdestoweniger leidenschaftlich – aufgegessen werden.






pächter der pflicht

ich war noch nicht konkret enttarnt gewesen,
als über mir das pflichten-schild erglomm:
ich konnt’s nicht lesen, nicht verstehen,
was getan, was unterlassen: was als hehre handlung
vom schlüpfrigen bewusstsein angezettelt werden soll.

so oder so: ich hätt’ dem pflichtenruf des schildes
nur folgen können durch ein sattsam uneigentliches tun
unklar, ob die pächter dieser wand, an dem das schild hing,
das als variante einbezogen hatten –
oder nicht.

nichtsdestotrotz, ich ließ mich nieder, ganz wie ich war in meiner halben camouflage,
um erst einmal zu schützen dieses schild vor alten rockern,
die aus den dörfern in bestimmten tranchen hierher kamen,
um ihr gedämpftes, ja wattiertes dasein aufzulösen:
in ledershorts und riots.




letzte plastik

nicht alle legen das gewerbe des lebens
als kunstvollen schmus an
nicht alle greifen mit darstellender malerei
in ganze nationaleinkommen ein
nicht alle fitzeln am kleinsten, am unversöhnlichsten part
(am rätselcharakter, als fetisch)
und nicht alle nesteln am gedrehten, am geschwurbelten stängel,
gemacht aus papier immerhin, nicht aus bronze, aus draht oder stahl,
und hängen so fest an der gips-, an der schlackeschale
wie leichtes insekt am veredelten.. halm.
nicht alle schließlich huldigen den machenschaften
der humanoiden
so ganz im allgemeinen





über rührung (bessek 4)


bessek lebt, so geht die meinung, in der angst, nein: im respekt vorm kategorienfehler. 
es ist genauigkeit, ja facettierung, die er will. 
er ist mit diesem wunsch, weiß man, (mit sich) im recht -- /


es überfällt bessek (an dieser stelle schon) die allererste rührung, wenn er die marder ihre liebsten stifte spitzen sieht. ihre hauptwerke, das sei erlaubt zu sagen, entziehen sich unseres verständnisses nicht, schreibt bessek ins notizbuch (das sich erhalten wird der nachwelt als ein sagenhaftes fragment; das die geister auf sich ziehen, das bündeln wird die – auch hohlen – interessen, noch bis ziemlich lang und weit! / ---- all das aber, weiß bessek, macht nichts, tut fast nichts zur sache --)

wer bist du, meine liebe, woher kamst du einst und was ist nun?

bessek stiert, ja es stimmt: er sieht nicht einfach, nein, er klopft wie mit kleinen hämmern mit den blicken die gegenstände ab, diese dinge, die schon völlig angehören seiner fixierung: es ist – im moment – ein bild, gemalt von jungenhand (von seiner), und es ist von unentschiedenheit durchaus geprägt, dieses bild, sagen die beschreiber, und bessek stimmt wohl dieser these zu: ich habe dich gemalt, aus der erinnerung!!

wer ist sie, wer ist dieser „gegenstand“?, und wohin ging damals mein strich genau? – bessek hängt an der malerei wie an der gemalten. beider verlust bedeute, würde bedeuten... ein nicht ganz unglimpfliches chaos. eins in mir. das sagt bessek. es erzeugt ein gestelztes, ein zerhacktes, ein unfertiges gefühl, alles das überhaupt aufs tapet zu bringen, das zu stammeln ja und überhaupt. das sagt bessek. was ich sehe, was ich registriere, das ist mein gedanke, wie er felsenfest hängt an der einmal gemachten erfahrung einer solchen nähe. hängen. nachgehängt. das weiß bessek. er weiß aber auch, in der gar nicht zynischen dialektik eines allergrößten kinds: NA!: na na na náa!


du kannst heißer sein als sonst,
denn dein gemüt schwankt sowieso
sei nicht im mittel sondern schlage aus
wie das verliebte pendel einmal so --
es tat als --
ein abgeschwächtes, mildes zeichen
einer wildheit seines tuns 

es ist kein geheimnis: so schreibt bessek; hält sich nicht zurück. wer sagt denn, sagt er, dass nicht ganze kompendien, ganze gedichtbände die nachgeborenen belasten, beschäftigen müssen, dass nicht der kommentierung harren sollen ganze theatertheorien, romane, zyklen, skizzen und i-d-e-e-n ? 
die bescheidenheit, sagt bessek, ist keine tugend, wenn man beinah verschwindet, fast versackt dabei: dann ist’s nur noch die fahrlässigkeit, die schiere, die da oberhand gewinnt, als schäbige tugend -- / weißt du, sagt bessek: sprich sie einfach nicht mehr an (die bescheidenheit).

was aber ist dein thema, bessek?, was besprichst du? -- ist es die „rührung“? sag es an!
(es ist ein gar nicht kleiner teil des lebens ausgestaltet immerzu als interview, weiß bessek: selbstbefragung. fremdbefragung. eignungstest und prüfung. – ja, und leidergottes letzteres zumeist)

was rührt dich, bessek, weißt du’s schon, was rührt dich an?

es rührt mich die geölte maschine wenn sie zart in ihrem ablauf läuft so weise und geschmiert.
es rüht mich die kolonne, rühren mich die aufgefädelten automobile wenn sie ein muster bilden das den mosaiken gleicht (die mich erinnern an ----, / die ich wohl kenne einerseits, / und andrerseits nicht kennen kann)

es ist, sagt bessek, wie so oft der frage schwanz in richtung ihres kopfes umzulenken: wie ich denn nicht in sentimentalität, so muss ich fragen, wie ich denn nicht im sentiment vegetieren, ja vielleicht gar im zutiefsten humanismus-ismus „l“ wie leben kann? nicht in der rührung?! der bewegung!? nicht im reiz und in der rührung, nicht heiß gereizt und heftig angerührt!?


was leblos macht
das hack ich ab
was aussaugt mir
den krassen saft
das watsch ich ab
das schlag ich ein
höchst heftig auch
und ungemein --

(aus: bessek: tagesdichtungen, abgeworben der heilen hand. gedichte als sprechende tugenden. versehen mit vielen gezogenen schlüssen sowie kommentaren zu den meisten stimmungen. erste auflage. zelle 2006)




bessek 3 | es wärmt, es macht



bessek versieht die alte liebe mit steinen, verkrusteten stengeln, blättern und blättchen: dieser erinnerung ist jetzt. auf ihr tanzt etwas, das als wacher geist identifiziert werden kann – oder, profan beschrieben, als schatten einer kröte. als ganzes ist diese form länglich, als stapel aufgebaut: dieser altar geht in die höhe. irgendwo in die mitte hinein, das versteck suchend in der ordnung, legt bessek einen zettel mit 22 wörtern, geschrieben von eigener hand, geformt auch zu jungen, füchsischen, naja (immerhin) furchtlosen sätzen: sie preisen das gefühl ganz im allgemeinen als leim für jeden weltbezug. in ihnen ist besseks ganzer ausgeschlafener, freilich noch nicht sattgegessener verstand gebunden: die art von verstand, die beim einzelnen am besten funktioniert, wenn er mit besinnung endlich denkt.
zur feierstunde nun legt bessek die knöchelschoner ab, denn an der freigelegten stelle gibt es ein vielfaches zu spüren. als gefühl waltet es auch dann, wenn es geschauspielert, imitiert wird als phantomgefühl; bessek scheut die kopien nicht, im gegenteil.
irgendwann im ritual kommt immer der moment, in dem sich der ablauf selbst unterbricht, wie von selbst unterbricht, auf dass ein klarer gedanke sich einrichten kann im klaglosen ablaufen, im verrinnen des ritus als prozess wie zeit, wie sanduhrzeit: geschmeidig, zu geschmeidig.

was ist diese liebe als ritual? eine erinnerung, verkrustet zum sentiment, ein sentimentales hobby? oder doch ein fest und ernst verankertes im... fleisch? bessek kennt die antworten nicht, und lieber als zu fragen und zu antworten und zur fragerei zurückzukehren hinterher etc., streut er thymian um die gemeinen löcher. dieser gesamte platz – umsäumt vom durchaus herrlichen flaum des neuesten farns (ja er war eine regelrechte neuheit) – ist robust eingerichtet, auf dass er die tänze aushält, die handstände, das schattenboxen, das keppeln und hüpfen, das mantra und ein hohles weinen. bessek verzichtet allerdings auf den idealen beginn, der durch diese schmackhafte aufzählung angedeutet wird, verzichtet auf die ideale vorbereitung, das ideale ausharren: er möchte stattdessen die scheuen bilder kommen lassen und die heißen perlen ebenso, indes: beurteilt, begutachtet, benotet werden möchte er nicht.

wie liebevoll zerdrückte erdbeeren, wenn sie nicht wie abgeerntete früchte wirken, sondern wie lebende genossen: so liefert diese stunde ihre gunst: rot, weit, durchlässig, wellenartig. wer bin ich, wenn ich nicht von dieser erinnerung zehre, ja ist es denn another time’s memory?, another man’s property?, fragt bessek das moos. fragt das moos den geheimen sternengang. fragt die schneckenpracht ein anderes bewusstsein. „keine zeit für nützlichere gedanken!“, kann jetzt selbst die ranghöchste bekunden, da ihr der sinn nach pause steht: ja sie hackt die nüsse nebenbei und sitzt als die eule, die sie ist, im ersten zuschauerrang, den blick – der von links nach rechts geht immer wieder – zwischendurch auf bessek richtend, auf bessek, diese kuriose gestalt (in eulenaugen, auf eulennetzhaut sich als solche abbildend). bessek, die hilfseule, imitiert und charmiert: mischt sich durch schlaue bewegung als erscheinung in das, was diese eulenaugen erjagen wollen wie beute: es entsteht so ein verhältnis, in dem begehrt wird, bestaunt, bestastet, beäugt eben. und aus eulenkleidern gemacht ist jetzt auf einmal besseks befederter hut: so ausgeschmückt wird bessek kenntlicher als kenntlich, und genau so träumt ihn die zweite, die kleinere eule: „wie kann ich dich erjagen in gedanken, und dein blattwerk dir abstreifen, auf dass wir beide nackte tiere sind!?“, wimmert sie.
bessek dichtet oder unterstützt oder befördert dies alles nicht, und auch seine gefährten erfinden hier nichts im sinne einer kunst. freilich verzweifeln sie auch umgekehrt nicht an jenem anteil des geschehens, der sich tatsächlich in gedanken abspielt, der nur im ausdenken selbst existiert: mit so viel potentiellem leben umgeben zu sein!, ja das ergibt nicht nur für die eichelhäher und die schlangenschwestern den optimalen, den maximalen sinn. und diejenigen, sagen sie in ihren sonntagsreden, die dieser wirklichkeit den schleier abzustreifen sich anschicken: die mögen erst, die mögen erst, die mögen erst kommen! und die würden, wenn sie denn kämen, nur mit ihren losen augen ohne schuppen dastehen, kahlgedacht und knausrig leer. drum lasst uns einstimmen in den refrain: verhasst sind uns die eindeutigen!


eine stunde ist so und so ähnlich vergangen mit hin- und hergetue, und bessek baut am ende der feierstunde sehr gekonnt den aufgestapelten obelisken wieder ab: schicht um schicht und teilchen um teilchen, und auch das beschriebene zettelchen nimmt er heraus und wirft es in eines der kleinen feuer ringsum. es wird fürs nächste mal neu sein, neu zu sein haben: das erneuerte nämlich im gehabten, denkt bessek, das schütze ich naiv wie schätze, als verbinde sich damit eine wahrheit von allgemeinerem wert. ach geschenkt!, denkt bessek, schenken wir uns doch die vielen krummen worte, die die diener der erklärungen sind, willfährig stehn in ihrem dienst: was sag ich noch? nichts sag ich noch! das läuft hier so. so macht sich das.



bessek 2



bessek beobachtet hunde; ganze heerscharen von schmerzen; den nachthimmel, wenn er birst.

bessek kennt bäume mit stimmungen,
eine eichhörnchenfamilie,
eine geistliche, die ihn regelmäßig in einer höhle besucht.

bessek wird tier genannt, der grobgekörnte, der strahlensensible, oder: vernunftkritiker.

besseks handtaschen, seine möbel, der hausrat, die bibliothek: verwachsen mit natur.
besseks leben wird im allgemeinen „kein-projekt“ genannt.

bessek, wird gesagt, war einmal krankenpfleger,
meereserwärmer,
urbanist und architekt,
präsidentin.
b. sprach einmal auf podien,
in hallen,
zu delegierten.

bessek war auf kriegsfuß mit der wissenschaft, wird gesagt, und er kennt heute keinen in der schwebe mehr, sondern nur am boden. dort aber viele. (daraus, wird gesagt, leite sich b.s verhältnis zur entschiedenheit ab, zur fixen idee.)

bessek erscheint defensiv: sofort beginnt er seinen rückzug, wenn die beobachterinnen kommen: sie sehen auf b. mit feldstechern. sie kleiden sich in sportswear aus der zeit der quietschenden, raschelnden stoffe. sie gehen, robben und laufen in khaki-farbenen hosen mit robusten reißverschlüssen, in zugleich weichen und harten schuhen, in weiten regenjacken (beschriftet mit ihren leitmotiven, leitgedanken: „explore“, „my life my adventure“, „enough is not enough“).

bessek, wie er in der personenbeschreibung aufscheint:
das individuum trägt haare am bauch, krümmungen am rücken, filigrane beschriftungen an den fesseln
es ist ca. 40 jahre alt
sein ist haar schwarz und grau (handschriftlicher zusatz: maybe 4 more colours in the mix)
it has big hands; holding many leaves for comfort; wont give them away.
it carried a notebook almost empty upon arrival, and a photo album with no pictures of people in it but of THINGS: of things in packages, of newly bought and/or delivered things: of letters UNOPENED. — / yes: this album contains a whole section of photos of unopened LETTERS, the investigator notes: mostly envelopes shot from behind (stamps are never in the picture; always the backside. — the investigator adds a yellow questionmark next to the „stamps-passage, highlighting this particular detail).
during questioning bessek is forced to describe his absolute—recalling a french term—desinteressement (adding: ennui) when it comes to stamps. there even might be an unusually heavy hate for stamps, the psychologists figure out later: a hate for stamps, expressed through pitting people who collect stamps (this might as well be called resentment etc.) / why, the „specialist“ ask each other during their ever ongoing talks, does bessek hold so much disgust for stamps? for people who adore stamps? love stamps? who collect them for years, centuries, lifetimes, over generations even? – gundola, a young graduate from iratú-university, takes her chance and argues (in front of her much older, much more experienced colleges) that bessek dislikes stamps because they tell stories from all kinds of places, from cities, heavens and regions of all the 3 planets, all the „let them be forgotten“-times. he carries a deep hate for other places, for geography in all its forms–dilettant, everyday, academic–, which is linked to bessek’s so called „post-time-condition“: it must truely make him project into stamps what b. despises most in life:
space & time.
  
bessek auf dem weg ins zeit- und raumlose

bessek gegen den change—be it the change in or outside of us
  
bessek auf generallinie mit der natur wie sie entworfen ward im opus ingnadia I, depesche 2: as the grand life of the living. being in, being the natural movement, meaning: existing as a vibrating STATIC. what we call change only appears as being things in motion. instead it is the ever ongoing FLOW, THE ETERNAL BREATH OF THE PLANETS that is, well: that brought itself into being during the „let them be forgotten“-times: being is in itself animate, rejecting everything dead. never „in the move“, as humans of „the centuries“ pictured „moving“.

bessek vor etwa 5 jahren:
gefangen in einer art schlangenschale, umstellt von institutionen, anstalten, sachzwängen, trompetenkursen, spa-ideen, telefonkontakten, malen nach zahlen, selbstbräunern.

bessek geht schließlich gegen seine eigene verkrustung vor
(gegen selbstdiagnostizierte zombifizierung)

woran sich zombifizierung zeigt:
- ressentiment
- verholzung
- an körpern, die zu papier, zu kartonage werden [holz + papier breiten sich in körpern aus]
- fleisch wird peu à peu zu papier: stress und erhitzung versengen die besagten eigen-körper (sie selbstverglühen von innen: burning out)
- die sätze werden kürzer
- man spricht gemeinhin schneller
- man spricht mehr und mehr in anweisungen, befehlen
- andere erscheinen als lakaien, untalentiert
- die fingernägel werden kürzer

bessek in der gegenwart:
b. kritisiert „french theory“
b. pflegt ein faible für großes (und eine abneigung gegenüber allem kleinteiligen)
b. kultiviert vergleiche zweier gegenstände, teile, glieder miteinander als permanentes schema: 1 ist im vergleich zu 2 ....

b. in seiner existenz kurz vor seinem waldgang:
b. verteilt pamphlete
boykottiert supermärkte, baumärkte, konsum
zerreißt hemden
zeichnet obszönes in kalender, auf lose papiere, in bücher, handreichungen

b. verfasst das versepos „leben und streben des bessek: die falte“

b. erklärt sich mit der englischen übersetzung einverstanden:
„lives and works of bessek: the fold“

bessek wird eine frau

bessek domestiziert steine

bessek verliert gegen die geistliche im schach (auf dem liebgewonnenen schachbrett aus holz, harz & stein)

bessek näht kleider aus aufgesammelten stofffetzen

bessek errichtet seinen zweitwohnsitz in paris mit bloßen händen

b. erscheint auf zerfahrenen videobildern, gespeichert auf disketten, verschiedenen datenträgern, gesammelt in archiven aus ganz anderen zeiten:

videoaufzeichnungen zeigen b.:
in katakomben
in den kellergängen der bibliotheken
in der luftburg (nachts)
in beheizten pools (wo bessek runden dreht wie hamster)
im schwitzkasten (kampfszene 1)
im humus (ora et labora!)
am laufband (arbeit ist freizeit freizeit ist arbeit schweiß der preis preis ist heiß)
in gewölben (die architekturen der welt bewundernd)
in verrosteten anlagen, industrien
im golfgras
im umzäunten quadrat zwischen den parkplätzen (begeistert vom stillgelegten wasserspiel)
in der lippe
im schoß
in der achselhöhle
dort, wo es wärmt—