103_/64















»MAMA, ICH WAR'S NICHT«
(praktische anleitung 4: unten liegen) ___ 2020




103_/63



















praktische anleitung 3: schneiden,
schneiden, schneiden ___ 2020
148 mm x 210 mm




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auftritt: lügenbaron ___ 2020



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unser sittich pieksie ___ 2020
148 mm x 210 mm




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crucifixion, 2 minutes ___ 2020
148 mm x 210 mm




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f.f.o. (finally fuck off) ___ 2020



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la gran máquina de mentir ___ 2020



sonntag, 24. mai 2020, 10:19


ich ging ohne zeugen, ohne ein aufsehen. wie ich die spektakel zeit dieses lebens gemieden, ja vielleicht abgelehnt hatte, so, auf diese weise ging ich: still. ohne mitwisser. kein zeugnis ablegend. keinen brief, keine kassette, kein file hinterlassend. nichts erklärend. ohne ausflüchte. kein hinein-gerede in einen abschied sollte noch eine alternative anzeigen, wo ja doch nur, von anfang an, alles versäumt, nichts am rechten platze gewesen war. /

und das loch in meiner brust ? ––
es war, ich kann es sagen, klein. (und ja, es stimmte, ich hatte es mir größer vorgestellt. –– ach, deine vorstellungen!, hättest du gesagt: du bist ja doch nur, am ende des tages, an aller tage ende: ein naives ding! –– und ich hätte dir, ohne großzügigkeit, ohne lügen zu müssen, recht gegeben.)

in den stunden zuvor ging ich rastlos auf den avenuen auf und ab. der unruhe mich ergebend, schwitzend. schwer. schwer in den eigenen beinen stehend. als wollten wurzeln von unterhalb mich halten, als hätte mich eine irdische polizei festhalten wollen, auf ein revier bringen, ausfragen: wer sind sie und wohin wollen sie ? ja wohin wollen sie denn und wer sind sie überhaupt ? ––

die schönheit der vorbeiflanierenden menschen berührte mich noch, ich gestand es ein. die frisuren. diese unablässige, vielleicht aufopfernde energie, dieser optimismus, der sie jeden tag ihr haar entwirren, kämmen, begutachten ließ, sie jeden tag das eigene aussehen aufsetzen ließ wie lack. ein make-up des ganzen, des gesamten, jeden tag aufs neue beginnenden daseins. ein aufwand, den zu meistern, zu leisten, den abzuarbeiten für mich bloß als gedanke schon ins groteske reichte. und der doch so verbreitet war, dass er wirkte wie ein amboss als norm. wie eine norm als amboss. wenn sie fiel. ja wenn sie denn niederging. kabumm.

das alles trug sich zu, als ich noch da war. solange eine sonne schien. für die kellner. die trafikanten. die ladenbesitzerinnen. die vorbeigeher, die spaziergänger. für die, die mich nicht beachteten, und denen ich doch vor die füße stolperte: als eine gestalt im speckigen gilet, unrasiert, sich vernachlässigend vielleicht. schäbig-bourgeois, unvernünftig, einer guten kinderstube zum trotz. mit den besten voraussetzungen – und sie alle verschwendet habend: eine müde tickende uhr jetzt, die durch die straßen kullert –– ° –– ein auge als uhr. ein körper wie eine iris. und dann wieder wie ein gefällter baum, der bald nur noch holz ist, brennholz, ressource; der zum material geworden laut einen abgesang schreit, während ringsum alles dröhnt, was dröhnen kann: moment!, das war doch die welt!!?, sagst du dir, und hast sie schon vergessen. ihr dröhnen erreicht dich nicht mehr; und so fragst du dich, ob es überhaupt existiert. – ja und wenn es nicht existiert: was kann es dann gelten ? was gilt es dann ??

.
.
.


»you must make your death public«

(chris kraus)





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praktische anleitung 2:
in die hölle schicken ___ 2020




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finger als mittelfinger ___ 2020



103_/55



















teile von minnis gesicht sind
runtergefallen (nr. 4) __ 2020
54 mm x 80 mm




103_/54



















schamgegend (nr. 2) __ 2020
54 mm x 80 mm




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den fuß waschen (nr. 1) __ 2020
54 mm x 80 mm




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praktische anleitung 1:
faust, loch, kopf ___ 2020




freitag, 1. mai 2020, 8:58

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997


mein rucksack, ich wusste es, war zu klein für diese art von reise. wir würden ja doch nur in billigshops landen, prophezeite ich, wo wir uns unterhemden würden zulegen müssen, wäsche, fernrohre und instantnudeln. so kam es auch, fast.

wir waren noch nicht aufgebrochen gewesen, da verrückte cindy die falsche braue am oberen ende meiner »geographie« (so hieß der teil von mir, auf den ein steiler abgrund folgte, der jedenfalls nicht mehr zu mir gehörte): sie verschob diese braue nur ein kleines stück weit. ein wenig nach links. und hatte recht damit: ich sah so besser aus. zum dank legte ich ihr ehrfurchtsvoll die hand auf die schulter und zündete ein licht an :: durch das aufsagen einer zahlenkombination, die nur cindy entschlüsseln konnte (ein zeichen der feierlichkeit, ganz eindeutig), ließ ich sie wissen, dass sie mir teuer war, ein aufmerksames wesen – inmitten einer welt, die die augen im allgemeinen fest verschlossen hielt, die stur wie ein kind war, das den abfall nicht sehen wollte, das verbrauchte, die falschen brauen, die irgendwann weggeworfen wurden, weil sie nicht mehr richtig klebten. (was für eine unverhoffte ansprache!, ich genierte mich später dafür.) – cindy, im gegenzug, sprach ihren spruch: ich tue dir nur, was du mir tust!

wir kamen erstaunlich schnell voran an diesem ersten tag, mit unseren rostigen rollern, die nur geliehen waren, oder vorläufig gestohlen. wir schlugen uns an einer raststätte die bäuche voll und cindy scherte aus, um einen flüchtigen flirt mit einer truckerin zu suchen, die ihre piercings trug wie andere die falschen brauen. ich sah dem getue zu und ritzte einen strich in den rostigen lack meines rollers.

50 kilometer alias 3 stunden später nahm uns eine leuchtende stadt in empfang: wir legten uns in die kurven ihrer straßen, streiften zärtlich ihre mauern und begrüßten sie unsererseits mit lautem, kreischendem hallo. (sie hatte uns zuvor schon schüchtern berührt, was so viel hieß wie: da seid ihr ja. ich grüße euch.)

nach diesem geplänkel landeten wir in einer der spielhallen, von denen es hier nur so wimmelte –– wir waren, wir wussten es, im landkreis der „zuhörer“ gelandet: dieser war, so ging die meinung, bewohnt von einem hinterlistigen volk, genoss aber nichtsdestotrotz in übersee einen ausgezeichneten ruf: der rigorosen imagepflege der imagepfleger wegen. – die stadt jedenfalls war nur formal teil dieses landkreises, hatte sie sich doch in jeder anderen hinsicht längst einer sog. „charta des inneren exils“ verpflichtet, was so viel hieß wie: sie wollte mit den „zuhörern“ nichts zu tun haben. – das heftige glücksspiel aber war ihr, als ein relikt aus der zeit vor der lossagung, geblieben.

kaum in der rosa ausgeleuchteten spielhalle angekommen, drückte ich so viele hebel, leckte an so vielen würfeln, dass mich der schwindel überkam. zur rast gezwungen sank ich ein wenig gewollt exaltiert nieder (ein fall von übermut): von der sofalandschaft aus, die für nichtwisser wie mich in der halle bereitstand, beobachtete ich cindy, die spielte als –––∆ ––– gäbe es kein morgen. ja: es war cindy, die die goldenen jetons in die schlitze stopfte – in mengen. die dem barkeeper zuflüsterte: »bring it on, my son!« die sich zitate von kriegsbemalung ins gesicht schmierte. die den zeigefinger immer weiter in die höhe gehen ließ (was man hier, dem himmel sei dank, nicht verstand!). die das becken schwang, sich wie ein kreisel drehte, wohl den mittelpunkt suchend. – hmm, alles klar, dachte ich, die euphorie des spiels hatte sie erwischt, sie war „gepusht“ geworden. und siehe da, sie riss sich die federn vom hut und hüpfte statt zu gehen (sie trug federnde sandalen). meine güte, dachte ich, jetzt geht sie gleich über –– ∆ ––– diese linie, die auf dem teppichboden mit kreide gezogen war: dick und gelb und orange. – huch!, jetzt war sie schon drüber.

danach ging alles, wie man das oft in filmen gesehen hatte, ganz schnell: die casinoleiterin kam durch einen rosenbogen gelaufen und legte cindy eine schleife um: sie habe das große LOS gezogen, sagte sie, sie sei nun ehrengästin dieses potenten spielcasinos. ein stein in der nordwand würde ab heute ihren namen tragen: für immer. cindy kicherte. dann wieder wurde sie ernst: sie begann eine wortspende; die filialleiterin hielt ihr dabei sogar das mikro vors gesicht: cindy dankte allen, die dies ermöglicht hätten, und zählte eine ganze reihe erfundener namen auf. ich kugelte mich in den sofakissen. gleichzeitig aber befiel mich eine fiese ahnung.

als wir zum parkplatz zurückkehrten, wo wir unsere roller vor stunden zurückgelassen hatten, fand ich den meinen mit einem zweiten strich im lack markiert. – ich verfiel in heftige unruhe ––
was ich sah, sorgte mich



freitag, 1. mai 2020, 8:04


liebe wähler,

wenn ich gekrümmt gehe, fällt die welt ein. es ist ein erfahrungswert, den ich sammle und der mir, so glaube ich, noch einmal wertvoll sein kann. – was meine unteilbare seele betrifft, so stelle ich fest, dass das, wodurch sie noch berührt werden kann, vielleicht eine trance ist, ein zauber, ein trip. den körper verlassen: ja. zurückkehren in den fehleranfälligen hautsack: nein! und so reise ich erst gar nicht los. nicht, weil ich gehemmt bin. sondern weil ich den ausgang kenne, das sogenannte ende.

ich lebe noch in der vorstellung von einem lohn der prüfung, einem höheren grund, von der sinnhaftigkeit des opfers. – ihr habt euren ritus, ich den meinen. – ich entferne mich peu à peu von meinen alten erwartungen. und vielleicht solltet ihr das auch tun. – ich jedenfalls bin der henker, und das beil, und der strick, und die vögel, die dazu singen. mut! courage! selbstdisziplin! und endlich schluss mit der existenzangst!: sie ist ja doch nur ein vorläufiges drama.

meine körperwunden, kann ich euch wissen lassen, versorge ich mittlerweile selbst. das kam so:
ich sah einen menschenaffen im waldstück des südens (es ist dies dasjenige der 3 waldstücke, das umsäumt ist von einem weitläufigen parkplatz).
ich „verhielt“ mich zu dieser begegnung.
das resultat war ein sicherlich perverser kontakt: der haarige leckte mir irgendwann das eiter aus den wunden. – ich ertrug es. und interpretierte es später: ich verstand es als „laune des sommers“; oder doch als verschlüsselte botschaft ?

helfen mir denn diejenigen, die mir geschickt werden – wie dieser haarige sohn ? (ist er denn verrückterweise ein wiedergänger der katharina v. siena?) oder sind diese besucher phantome, die nur so tun, als würden sie etwas tun ? und ich verblute währenddessen? – nein..., nein: das hätte ich doch gemerkt!

seit der begegnung mit dem affen jedenfalls lasse ich die pfleger nicht mehr an mich heran.

und manchmal spüre ich, dass mein geist reißt.

geht also, meiner eingedenk, nicht unbedacht über die schamgrenze
eures

richie



donnerstag, 30. april 2020, 9:02

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997


aus eis und schnee
cindy la maine stöhnte auf, geplagt vom gewicht ihres geheimnisses: sie war eine schlittenhündin, die ein schweres bündel – arbeit!, schufterei! – hinter sich her zog. genau genommen, man konnte es auf den satellitenbildern aus dem all gut erkennen, waren es viele geheimnisse; ja genau genommen hing am ersten ein nächstes, und an diesem ein weiteres, und so weiter, und immer so fort. widerwillig zog cindy diese lange kette durch einen kanadischen wald, auf schmalen pfaden, dann wieder durch verschneite weiten, einem fremden alaska entgegen. – eine geschicklichkeitsübung?, nein!, eine strenge prüfung ihrer geschicklichkeit.

wenn sie in der abenddämmerung einen schlafplatz zur nachtruhe suchte, kalkulierte cindy ihren anhang mit ein: suchte nach einem flecken erde, der sie alle beherbergen konnte, der platz genug bot für das zelt, in dem sie schlief, und die große plane, auf der die geheimnisse sich niederließen. nur so schließlich kam sie zu jenen 5 stunden schlaf, die sie benötigte, um dieses weltverhältnis aufrechtzuerhalten.

eines nachts zog eines der geheimnisse eine axt aus der brusttasche und metzelte alle seine geschwister nieder. das blutbad fing die treue plane auf. sie hielt die fakten zusammen – und sicherte die unversehrtheit, die reinheit des schnees ringsum. beim anblick der toten leiber (der abgestorbenen materie) wuchsen cindy eiszapfen aus dem gesicht, horizontal in die welt hinaus, wie kleine sendemasten, die nach einem signal suchten, das genau jetzt antworten hätte geben können: wo war das mordende geheimnis hin?, hatte es sich selbst gerichtet?, sich ausgeschaltet, als eine art vollendung, ja krönung des getanen? oder war es geflohen?

cindy spürte ein ziehen auf dem rücken. es war ein schlitz, der sich öffnete, eine tür, eine kleine pforte, die aufging. es war keine axt, die ihren körper aufschlitzen, zerschlagen, sprengen hätte wollen, nein: es war das geheimnis, das sich ihr von oben in die eingeweide bohrte, fast behutsam, ohne grobe gewalt: ein jedenfalls noch lebender eindringling, vielleicht einem polypen ähnlich, der sich einnisten wollte. für vergleiche aber, die das verständis einer situation wie dieser in actu hätten befördern können, blieb keine zeit, blieben keine nerven: das geheimnis drang immer weiter vor, ja zur gänze ein; die öffnung schloss sich wieder – und alle fragezeichen prasselten auf eine einzige hündin nieder. ∞∞∞∞∞ cindy, ausgestattet mit instrumenten, die ihr auf ihrer expedition schon auf die eine oder andere weise nützlich gewesen waren, überprüfte ihr gewicht auf einer körperwaage: ja, sie hatte zugelegt. eindeutig schwerer als vorher erbrach sie urplötzlich einen batzen gelben schleims in den schnee. das war das ende der reinheit.

ausgestattet mit einem nachtsichtgerät, das ihr eine traube willfähriger grenzpolizistinnen einmal nach einer durchzechten nacht überlassen hatte, hatte eine elster das treiben schon die ganze zeit über von einer tannenspitze aus beobachtet.
sie war es, die die behörden informierte.



mittwoch, 29. april 2020, 17:14


liebe verdämmernde,

es ist weltnacht. ich kann es fühlen.

ich habe aufgehört, meine briefe von hand zu schreiben. ich knie stattdessen vor den schirmen nieder, die unter dem patiententrakt dieser anstalt ihr dasein fristen. ich begebe mich in den keller, in einen brummenden „computerraum“, lasse mich zurückversetzen in eine zeit, in der die geräte noch weggesperrt in kammern vegetierten, in reih und glied aufgestellt – maschinen unter maschinen, maschinen: noch laut und grau und maschinengleich!
nach getaner „arbeit“ lasse ich sie, wie früher, zurück und bin – wie es kaum gelingt und wie es kaum je gelang – wieder bei mir. keiner von ihnen. stattdessen einer von »uns«. – es ist ein schmerz in der schicksalsgegend, der mich erfasst, wenn ich daran denke zu euch zurückzukehren (eine unausdenkbare rückkehr).

(warum ich zuflucht zur tastatur suche? zum heißlaufenden gerät? – nicht, weil mich fröstelt.)

es ist weltnacht. ich opfere den körper.

wie katharina von siena höre ich schrittweise auf zu essen. meine diät wird sanktioniert von allen gesetzen, die ich auslege, die ich wiederhole, umschreibe, auswendiglerne. ich behellige meinen therapiestab damit nicht. ich weiß, man würde mich zurückhalten wollen, im land der hände, der begehrlichkeiten, des tätigen tuns.

ich schwöre der hand ab. es ist dies kein heiliger akt. es ist nur ein vorgang, den niemand sieht, niemand bemerkt, und den ich nur euch zur kenntnis bringe. – ich faste. ich verneine den körper. er wird es mir nachsehen.

als anorektischer kubus (der form des bettes immer ähnlicher werdend), als menschliches überbleibsel, das ich bin, transzendiere ich schon alles, was warm ist, was erhitzt wurde, worin einst energie floss (das gekochte, die „kultur“).

der widerstand, der mich an euch band, verflüchtigt sich. ihr werdet kleiner. –

nein, ihr seid schon klein,

weiß
euer
richie



sonntag, 26. april 2020, 12:02

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997


verlustanzeige
ich war ein haus, das vom alkohol abhing. vom vitamin c. von der ertüchtigung. ich war ein teil, angeschlossen an teile, in abhängigkeit ausgeliefert ihrer nachsicht (ihrem mitleid). ich war schwer und ungraziös. ich beschrieb mich als »stillstand«; ich verzeichnete nur noch verluste. ich hielt an mir fest, aus gewohnheit, aus sehnsucht, aus melancholie (ich bewahrte mich in mir selber auf, gab mir viel raum; ließ mich nicht gehen. – ich war diese zwei. das aufbewahrende, das aufbewahrte.)

ich war ein haus mit räumen.
ich zeichnete in jeden dieser eckigen räume ein rundes gefäß. und ein gefäß in jedes gefäß. – ich betrank mich taub. schon war ich wieder schwer. und ungraziös.

ich hatte von teilen phantasiert. es gab sie nicht. (die abhängigkeit von ihnen war – wieder, es war mir schon passiert – ein phantasma; ich gab ihm ausdruck in einer schmerzensmusik, die ich machte: ich dilettierte am piano, an der gitarre, an der triangel – überall. ich stieß schreie aus. sie wären sicherlich weithin zu hören gewesen, hätten sich dafür ohren gefunden, große hörprothesen, riesengroße „messanstalten“, die diesen schall hätten verzeichnen können. – aber auch das war ein eitles phantasma: ich schrie wie alle. ohne besonderheit.)

im traum erschien mir ein mit hellem holz ausgekleidetes zimmer, darin ein aus holz gebildeter kreis, mit einer öffnung : an dieser stelle schlüpften die menschen ein und aus – hinaus und hinein ins holz. sie bildeten dort spontane gruppen, tauschten ideen, waren fröhlich, ja strahlten. (hinter jeder dieser figuren strahlte vielmehr „es“: hinter jedem kopf befand sich ein leuchtender kreis oder ein oval; als wäre ein heiligenschein nach hinten, nach unten gerutscht: ein solcher heller hintergrund umgab jeweils einen kopf; alle menschen waren außerdem blond. alle menschen trugen außerdem breite (mobile) krägen, an verschiedenen körperteilen: eine verspielte mode schien darin ihren ausdruck zu finden..., ein zeitgeist.)

ich zeichnete ein holzoval an eine meiner wände: das fertige bild schien ein ufo zu zeigen, das mir gegen die stirn fliegen, sich gegen mich wenden könnte : ich war diese zwei. das zeichnende, das gezeichnete. – es könnte mich treffen.



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aus der prothesenkammer ___



samstag, 25. april 2020, 8:40

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997


ich gab anlass zur spekulation: hat dieses haus ein geheimnis?
(kann es ein geheimnis haben?)

in einer zeit radikaler umbrüche (ich befand mich im selbsterklärten zustand der revolte) begann ich, mich zu beflaggen: ich hatte aus stoffresten flaggen nicht existenter nationen (fiktionen) genäht, die ich in den wind hielt. später baute ich fahnenstangen. solcherart wirkte ich repräsentativ – aus der ferne. aus der nähe nannte man mich kunst. ich hatte mein ziel sicherlich verfehlt.
(was bezweckte ich?)

in einem selbstgespräch, das ich als allererste phase eines minutiös vorbereiteten selbstversuchs ansetzte, formulierte ich fragen, d.h.: ich (a) hielt mir (aa) eine pappmachéprothese (aaa) als mikrofon hin, ließ sie hin- und herwandern, laberte los. ich sprach vom wunsch zu erfinden, zu schaffen, zu produzieren. von nadelarbeit. ohne methode. vom beginn einer selbstreflexion. ich fragte, ob denn so eine „haus- u. heimarbeit“ gar mein thema par excellence sei. ob es denn um eine die hand, das herz, den kopf regulierende „beschäftigung“ gehe (bündelung, kanalisierung von energien; verwaltung derselben: organisation. selbstorganisation). ich, sagte ich, führe die nadel. mich, sagte ich, führe die nadel. die fahne aber trüge ich doch nach außen. als ein zeichen. etc. pp. – ich (a, aa, aaa) führte das gespräch.

einmal riss ein marder eine meiner flaggen, ich sah ihm vom osttrakt aus dabei zu. die leidenschaft des marders erschreckte mich: ich starrte auf diese szene wie auf den zerstörungstrieb per se, der so stark und kräftig zu sein schien wie keines meiner aktuellen gefühle. ich verspürte einen kleinen neid – und den wunsch zu verschwinden (als wäre das die notwendige voraussetzung für eine intensität wie die, die ich vor mir sah: tabula rasa.) es geschah, wie es schon einmal geschehen war: ich suchte trost in der verneinung. –– statt aber den marder zu negieren, beklagte ich, dass ich nicht der marder war; dass ich nicht das war, wofür der marder stand. ich negierte nicht den marder, sondern verzeichnete einen mangel. negierte mich. (und verfehlte dabei die revolte komplett..)

ich stapfte, unzufrieden, klagend, in wut: in die prothesenkammer.



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o.t. (nr. 6) __ 2020
54 mm x 80 mm




mittwoch, 22. april 2020, 7:57

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997,
kapitel 101, appendix a


in mir existierte ein eigener raum zum spitzen von stiften. die heruntergefallenen späne bildeten dort eine kleine, sicherlich liebliche hügellandschaft. (es wäre schön gewesen, durch sie hindurch zu fahren, mit einer miniatureisenbahn, die ich von einem gepolsterten sessel aus hätte steuern können; zu einer solchen anschaffung hatte ich mich allerdings zu keiner zeit durchringen können..)
ich begab mich manchmal in dieses zimmer, nicht um zu spitzen, sondern um einigen eitlen gedanken nachzuhängen, in denen dann nolens volens, so schien’s, das spitzen und kürzen und abschleifen in metaphern und analogien auftauchte: ein leben lang dieselbe klinge schleifen – was heißt das? aus dem unkoordiniert dahinkullernden oval, das ein mitmensch ist, eine pfeilspitze schneiden – was heißt das? ––

in tagträumen erschien mir hier regelmäßig eine klosterschwester, die mir vorwürfe machte, ja mich wüst anklagte; manchmal notierte ich szenen aus diesem lamento nach dem „aufwachen“ in ein herzförmiges notizbuch: »auch ich bin in dir, akzeptiere mich! leugne mich noch länger, und du implodierst!« (sie war aggressiv für ihr „alter“. [natürlich hatte sie kein biologisches alter. sie war eine fiktion hinter einem vorhang, einem habit.]) die nonne „stresste“ mich nicht, wie man so sagt. ich konnte aber auch nicht behaupten, dass ich ihr besonders zugeneigt war. manchmal las ich cindy la maine einige ihrer kommentare aus dem notizbuch vor und bat sie um eine deutung:
cindy antwortete darauf entweder mit stepptanz oder einer abschweifung, die letzten endes darauf hinauslief, dass wir für ein gemeinsames theaterprojekt probten, das – wir wussten es – niemals öffentlich werden, immer unser geheimnis bleiben würde.

manchmal legte ich zum spitzen der stifte pöbeligen hiphop auf. (es geschah niemals in der absicht, die wütende nonne zu vertreiben, niemals! – ehrlich...) ich denke, ich benutzte diese musik zur „selbst-motivation“: es floss dann alles besser. es schoss dann eine bestimmte haltung, ein geneigtsein in mir ungleich schneller hoch: es war eine innere schieflage, die mir als voraussetzung für die bearbeitung gewisser „probleme“ diente, die ich so hatte. mach stress! bin rich! hau in die fresse! bin real, hab die crew, zieh dich aus, lecker lecker! – so ging das.

so kam’s mir:

sie hatten cindy la maine hervorgebracht.
wie hatten sie cindy la maine hervorgebracht?

sie hatten einmal zu cindy la maine gesagt: sei einzelhandelskauffrau, sei ein peruanisches model, sei ein muttertier, eine herausforderung, eine festung, eine burg, eine gute idee! komm mit uns auf den weg, laudato si, halt die ohren steif, usw. usf., du bist eine von uns! – in ihrem eisernen widerwillen gegen jedwede instruktion zog cindy 4 karten aus einem ziemlich hohen kartenstapel: sie interpretierte das ergebnis völlig entgegen der gängigen auslegung (dachte sie), und beschloss fürs erste, surferin zu werden. denen, die sie hervorbrachten, war das (cindy wusste es, glaube ich, nicht; wusste sie es?) ganz recht: sie wussten ja um ihre eigene PRODUKTIVE WIRKUNG und imitierten seither wiederum einen widerwillen gegen cindys entscheidung, ja taten so, als würden sie ein surferinnen-dasein einer cindy la maine ablehnen, als wäre sowas ein offiziöses ärgernis, dabei hatten sie cindy damit ei-gent-lich, aus ihrer sicht, auf linie. das repressive gebrabbel ihr gegenüber verschärften sie allerdings sogar noch, im glauben, es diene ihren absichten: der aufrechterhaltung eines verhältnisses zu cindy, und damit, letzten endes, der legitimation ihrer eigenen e-e-e-existenz. – klaro!

»sie« waren übrigens ein buntes kleines „parlament“, das über den dingen schwebte. es fasste andauernd beschlüsse, die man im normalfall in zweimonatlichen postsendungen zum nachlesen zugestellt bekam. (diese beschlussbündel wurden, hieß es, an einem fetten haarzopf von oben »herabgelassen«.) cindy hatte sich früh angewöhnt die viel zu großen, viel zu schweren pakete mit einem kraftvollen karateschlag in zwei teile zu spalten. – ein hobby, das c.l.m. augenzwinkernd „mein liebstes hobby“ nannte, weil das eben ... ihrem humor entsprach.

der obigen interpretation ihrer berufswahl trat cindy übrigens mit einer vehemenz entgegen, die man als zärtlich gemeinte parodie verstehen hätte können (was sie aber nicht war):

was soll dieser riesenscheiß ?!, stehst du drauf, wenn ich mich aufrege ??? na na na !?, sag schon, stehst du drauf ??



montag, 20. april 2020, 8:55

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997,
kapitel 101: »wiederholung und abwandlung
unter berücksichtigung einer methode«


cindy la maine hatte früh eine identität als surferin gewählt: sie legte diese rolle weit und großzügig aus, ließ sich vor bücherregalen in nachdenklichen posen fotografieren, gab autogrammstunden am strand, signierte bretter, quatschte ohne unterlass und stapfte hinterher ins gestrüpp, um sich zu erleichtern. natürlich feierte sie auch nächtelang durch, ergab sich einem rausch, der über nichts aufschluss gab, sang und grölte; tags darauf aber trainierte sie wieder in unerbittlich knallpinken shorts, eine selleriestange zwischen den zähnen. – sie fand keinen nennbaren widerspruch in diesem, ihrem rhythmus, ließ sich nicht in kreuzverhöre verwickeln deswegen, nicht zurechtweisen. aus der polizei, den verboten, der pflicht, die sie umstellten (eine einheitsfront!), machte sie ein bühnenbild: sie malte darauf. schnitt löcher hinein, guckte durch. wie leben ? wie vor dem bild gehen ? wie hinters bild schauen ?: so ein gespräch war mit cindy gar nicht zu führen. sie hätte gesagt: wie ein zweites bild bauen, ein drittes, ein nächstes? wie so breit und weit und hoch stapeln, dass wir in den stapeln verschwinden, undurchlässig werden, nichts mehr spüren ? (ein sandwich!, haha!) und wie dann einen großen hammer finden, mit dem wir alles zerschlagen, alles kaputt hauen zu einer musik, die uns den puls in die ohren treibt, bis es dröhnt, wie ?

war cindy la maine für mich ein „phänomen“ ?
ja.

stellte sie mit mir etwas unrevidierbares an ?
ja.

ist sie die ursache, der grund, all das hier aufzuschreiben ?
nein.

lehrte sie mich die kunst des cocktailmixens ?
ja.

muss ich zurückgehen in der zeit, um mein verhältnis zu cindy la maine zu verstehen?, w-e-i-t zurück ?, hinein in eine episode, die nicht das geringste mit ihr zu tun hat ?
ja und ja und ja.

oha!



sonntag, 19. april 2020, 8:30

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997


im fluchtpunkt: eine elegante, monströs proportionierte hyäne am rednerpult.

an meiner seite: ein kissen als flunder.

am boden fläzend, erotisch: eine frau, die aussieht wie eine „nachbarin“. man meint sie zu kennen, sie wirkt freundlich –„gute seele“ –, gleichzeitig unheimlich, „exotisch“ – wie einer zeitschriftenreklame aus den 1950er jahren entnommen: ein eindringling in die gegenwart, ein parasit, der sich noch entpuppen wird, vielleicht.

bäume von stattlicher größe, lianen und wäscheleinen dazwischen gespannt, efeu, blattwerk, 1000 x grün, tropische elemente, an einem ast ein farbspektrum baumelnd – darauf mit rotem X hervorgehoben: pantone 7737.

flugwerke am himmel schwebend.

ein bücherschrank, prall gefüllt mit fortsetzungsromanen (alle nummeriert).

teppiche, in die luft montiert. darauf anweisungen & befehle in mehreren sprachen, gebärden.

hüte in vielen variationen: alle tiere und menschen tragen sie. manchen werfen sie schatten ins gesicht. manche erweitern sie kolossal, manchen merkt man die hüte fast nicht an (der zweite-stirn-komplex).

riesenhafte wasserkocher, aus denen es mächtig dampft: fabriksgebäude, transformiert in eine winzige häusliche dimension. darauf eingangstore aus eisen, aufgemalt wie von fetten eddingstiften, die ihr eigenes ding machen.

ein alter kommunarde, der in einer briefmarkensammlung schmökert.

hörner, die zu schweben scheinen. an einer stelle ein fast unsichtbarer faden, der eines dieser hörner zu halten scheint, das aber nach den gesetzen der erdanziehungskraft unmöglich vermag... und also unzufrieden wirkt; ambivalent zumindest.

eine „uuupps!“ rufende taxifahrerin, fast niedergedrückt von ihrer sprechblase wie von einem zu schnell, zu kräftig aufpoppenden airbag, die einen skateboarder von der straße schleift.

eine schmuckeremitin auf einem spitz zulaufenden stein, die gedankenverloren auf den faden starrt, oder auf das nichts hinter dem faden.

+


so oder so ähnlich beschrieb ich die tapisserie, die den raum dominierte, in dem wir täglich speisten. was ich darauf als meine person identifizierte, war ein bauernbursche mit kahlgeschorenem kopf, lässig an ein meerestier gelehnt: sein zerschlissenes unterhemd gab einen spitzen 10-jährigen nippel preis.



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bei uns geht's noch immer nicht
ums schönsein, mama __ 2020




0/30
















alles klar, die bombe
(ich weiß auch nicht, woraus du bestehst) __ 2018




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die trauer der mambas (2) __ 2018



freitag, 17. april 2020, 7:44

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997,
kapitel 39: »mehrere wunder, die der erhaltung des planeten dienten«


unser mittelmäßiger planet litt. die rauchschwaden machten ihn unsichtbar zuweilen, aus den seen dampften die abwässer, die schildkröten hatten längt 5 beine : doch wer kümmerte sich dieser tage schon freiwillig um eine kugel, die immer noch heillos unangekettet im weltraum schwebte? – ganz recht: niemand. – also verfasste ich als zeichen meiner anteilnahme, meines verständnisses für das leid einer traurigen erde (und eines ganzen kosmos, wie ich später begriff) einen philosophischen traktat, aus dem ich einen auszug in freier rede wiedergab, als ich einmal an einer mobilen bühne vorbeikam, die leer war und mich einlud, ihr ein wenig ihrer leere zu nehmen: sie sprach zu mir. sie fragte mich. ich willigte ein. es muss während einer meiner »touren« durch die unteren karpaten gewesen sein – eine reise im zeichen der selbstentleerung –, als ich das folgende zum besten gab:

+++

»sind denn [ __ pause __ ], ja sind denn, frage ich ohne scheu, meine überlegungen nur ausdruck einer ohnmacht ?, verharre ich denn in diesen gedanken wie in watte gepackt, hinter glas gerahmt, ja regelrecht unfähig ? – ich: ein vernunftbegabtes wesen: nur ein schieres ding im MUSEUM DES LEBENS ?

zur beantwortung dieser fragen wird uns eine erzählung dienen, die auch darüber hinaus alles wesentliche enthält. – sie geht so:

ich bewegte mich. dann hielt ich inne, und sah auf meine spannung. der funke im raum erhellte für sekunden den prozess: in meinem denken verfing sich, jetzt sichtbar, ein käuel im anderen. ich war verquickt mit unterschiedlichen hindernissen, mit objekten, die unausgesetzt die erkenntnis zu verhindern schienen: sie näherten sich wie in einem 2-dimensionalen jump-and-run-spiel: ein champignon, eine teetasse, ein käsestück, ein muffin, eine fiese queen, eine cremetube, ein gesicht: ich vermischte mich mit diesen ›gegenständen‹. ich spürte ihre präsenz (feindliche übernahme?).

es erschien das: ∫
dann das: µ

ich formte aus einer fixen überzeugung, die ich noch mein eigen nannte, meinen körper zu einem mittelgroßen X (ein ausdruck meines widerwillens). die dinge, die zeichen, sie waren nicht gnädig – zuerst: sie kamen weiterhin sozusagen über mich. ich überprüfte meine haltung: war ich überhaupt ein solist? in diesem konzert DES DASEINS ? eine unverwüstliche egozentrikerin in einem spiel (einer prüfung?)? – ich wollte an der grenze wandeln, nun hatte ich den salat: diese grenze hatte verlockend gewirkt, von weitem. aus büchern. ja in der theorie. und nun ?! wie stand ich n-u-n zu diesem sprung (war er einer?), der mich an eine schwelle geschleudert hatte (es schien so), wie verhielt ich mich nun eigentlich: im ›augenblick‹?

ich sah muster an ›uns‹ vorüberziehen (ich hatte gewisse neue anteile an mir vorläufig akzeptiert): freie muster in bewegung, funkelnd im raum. – ich wollte meinen blick richten, die spannung halten, ein bild erzwingen, das bliebe, das ich hätte ruhend stellen können, fixieren, um später noch einmal darauf zurückzukommen ... allein: es war sinnlos. es ging nicht.

mutig klopfte ich an den stamm eines baumes, in dessen innerem ich das chiffrierte absolute vermutete.
die rinde war allerdings doch keine tür. – verdammter fehler! fähla! – weiter!

schon verhaltener riss ich einer bergfee den hut vom kopf und entblößte (ich hatte da so eine vorahnung gehabt...) auf diese weise ein ei. sie balancierte es am schädel. (wieso?) – es entspann sich ein dialog:

»wie lebst du mit dem ei?«
»WER SAGT DIR DASS WIR UNS DUZEN?«

das gespräch ward jäh abgewürgt, als ich begriff, dass die bergfee mich nicht leiden konnte. – ich tat einen hechtsprung ins gebüsch, wo mich eine kröte erwartete (war dies ein abgekartetes spiel?), deren visage ich zu kennen meinte : ja-ja !, genau !, es war meine volkschullehrerin, auf deren weisheit ich schon damals gesetzt hatte. ich begrüßte sie mit einem himmelschreienden NEON-ORANGE, das ich ihr vors gesicht setzte: da hast du’s, meine liebe alte freundin! – sie verstand mein geschenk ganz recht im sinne des alten, in vielen teilen der welt schon vergessenen begrüßungsritus (farbaustausch: gabe, gegengabe; sitztanz, offenbarung der ›highlights‹ aus dem gedankenprotokoll der letzten 3-5 tage, usw. usf.). klar also, dass ich ihrerseits zumindest ein mittleres wiesengrün erwartete, oder etwas nah am FLIEDER. indes & oje!: sie war nicht, wer sie war. sie trug nur ein gesicht. ich erschauderte ob dieser verwirrenden situation. die kröte kicherte böse : –ooh! – OH-WARUM-NUR war sie eine erscheinung der anderen dimension ? OH-WIESO-NUR war ich der täuschung erlegen, ich hätte ein vertrautes gesicht gesehen, wo doch in wahrheit nur wieder das unerreichbar fremde mit mir gemeinsam im busch war?

es ist schwer, die eigene lebenslage zu akzeptieren, wenn man sich nicht auskennt.

von daher war ich sicherlich, ja kurz und gut: unzufrieden mit mir.

ich verhielt mich darum teenagerhaft und trotzte vor mich hin. ich sagte: ach du schon wieder: irgendjemand, den ich nicht kenne und die mir angst machen will, HA?!?

das hatte gesessen.

sekunden verstrichen.

plötzlich bemerkte ich, dass links von mir eine sanduhr im raum schwebte, die unbarmherzig die ablaufende zeit anzuzeigen schien (ja?): nein! – die sanduhr war ihrer funktion enthoben worden (später erfuhr ich: sie war in rente) und hatte in dieser ihrer neuen stellung eine freude daran gefunden, sie selbst zu sein. eine freude, der sie sich lange nicht als würdig begreifen wollte (all das erzählte sie mir mehrere jahre später): ich gab ihr den handkuss. sie errötete. wir liebten uns als ein spontanes zeichen einer übereinkunft, die wir beide in ihren ausmaßen nicht verstanden. – so vergingen 30 minuten.

(woher ich wusste, wie viel zeit verging? – ich wusste nicht, woher.)«

+++


an dieser stelle, erinnere ich mich, wurde ich von der bühne geschupst: eine deutsche rockband machte sich zum soundcheck bereit, ihre gänzlich untätowierten körper (post-rock?) in die kegel des sonnenlichts stemmend. die bühne entschuldigte sich bei mir für diesen rüpelhaften, unerwarteten ›move‹. ich verstand, dass sie mich aus existentieller einsamkeit spontan engagiert hatte, und aus unzufriedenheit mit deutschen rockbands. sie brauchte einmal pause, ferien von der ewigen wiederkehr des gleichen, die ihr leben war: aufbau, pause, soundcheck, pause, auftritt, abbau, usw.: nächstes dorf. – ach diese heinis!, dachte ich, als die wachen deutschen die ersten akkorde anschlugen. eine musik ohne mitleid, bar jeder vernunft. eine weile noch lauschte ich nicht ihr, sondern dem wimmern der bühne, die unter den schweren bässen der deutschen litt: dann aber musste ich mich lossagen ––– und schritt weit in die karpaten aus.



2/30



















MAMA __ 2018



donnerstag, 16. april 2020, 17:59


liebe venen,
liebe wege – HIN ZU MIR,

ich weiß nicht mehr, bin ich noch hart? bin ich schon weich? wie weich kann ich werden? wohin werde ich weich? (wohin geht die härte, wenn sie geht? wohin verschwinden sie denn, die farben des regenbogens?, wer löscht sie denn vom himmel?, WER DENN? WER?)

mein spiegelbild kontert mir kaum: ich zittere nicht. ich erstarre stattdessen im lauen lüftchen, das mich im garten dieser anstalt umweht: ein »gegenwind«, der mich erwartet: um 15 uhr 45 (lob des gefängnistakts!). ich gehe im kreis, ich starre auf den kranich im weiher: ist er ›er selbst‹? ist er der »ansprechpartner«, den ich suche? (suche ich einen »ansprechpartner«?)

es lockt mich das haar von therapeutin A. (nur ich nenne sie so.) ich will es mit kaugummi beschweren. und doch ist diese lust zu schwach, um eine fiese tat zu werden. ich lauere. ich lenke nichts. es strömt aus mir – auch ungewollt. doch dieser strom ist organisch. es findet sich darin keine einzige idee. (ich überprüfte das.)

es reizt mich, mit der faust ins gesicht all jener zu schlagen, die kriechend sich mir nähern, weil sie wissen: dass mein corpus nicht nach unten reicht (feiglinge!), weil ich ein brett bin als mensch: hart außen, hart als muskelbündel, ein stein-als-körper, puddingweich jedoch tief drin. – ein mitleiderregendes bild von einem ... MANN


lehnt euch zurück und schreibt:
»er kratzte am gleichgewicht der welt / bis alles von der scheibe fiel / ins große durchsichtige nichts hinein« auf meinen partezettel!,
weiß zu befehlen
eure
intimverkrampfung:

richie



dienstag, 14. april 2020, 14:08

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997,
kapitel 15: »jahre bitterer blüte«


in meiner jugend war ich kleiner, ein anarchistischer geist, eine knospe, ein quadratschädel: man verbot mir auszuwandern: meine eltern hingen an mir und nagelten mich fest. – so entwickelte ich einen widerwillen, gegen das festgenageltwerden.

aus enttäuschter freiheitsliebe besang ich meine unheilbare sehnsucht in tieftraurigen liedern, öffnete nachts das fenster und richtete meine poesie an die venus, den mond, den großen wagen, die nachbarin. ich war noch unausgestaltet. ich hatte vieles vor, und doch so wenige möglichkeiten. der mond antwortete: nicht.

ich verweigerte den haushaltsdienst und zog mir den unmut meiner geschwister zu: sie kritisierten meine »politik«, und hatten sie doch auszubaden: statt meiner schrubbten sie die pfannen. ich schämte mich. ich hielt durch.

ich akzeptierte keine autorität: ich ging im kreis, ich schüttete großflächige schüttbilder an die wand, mein geist war übervoll, nichts härtete aus, alles blubberte – als unfertiges, als unruheherd.

meine gedanken ordnete ich im geheimen: ich »vergeheimnisste« den alltag. ich hielt nur das notwendigste nicht von mir fern. ich begann mit körperübungen: ich dehnte, streckte mich, ging in die länge, breite, höhe. elastizität war plötzlich eine tugend. ich sah auf die menschen um mich: beurteilte ihr elastisch-sein, ordnete sie nach elastizitätsgraden in gruppen: 1-10. ich fertigte dazu aufzeichnungen an, die ich in kleinen mappen archivierte. dieser spleen dauerte 3 jahre.

mein leben war, ich wusste es, die nebenwirkung meiner kindheit.



montag, 13. april 2020, 9:08

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997


einmal, es muss kurz nach meiner zweiten einschulung gewesen sein – die in mir viel schweiß freisetzte, und angst (aber auch befreiung und dissidenz) –, schrieb ich ein gedicht. es trug den titel »trost der verneinung«; später änderte ich ihn:


trost der verneinung

in verzärtelter verbindung mit den wurzelschlägern jeder art
begreife ich, dass in mir wurzelloses und verwurzeltes wohnt,
zu gleichen teilen.
einmal habe ich füße, einmal habe ich sie nicht.
»ich bin transparent« heißt nicht, dass jemand mich kennt.
das stillstehen verneine ich
ich verneine das bewegtwerden
das verschiffen verneine ich
ich verneine das einmauern
das festgenageltwerden verneine ich
ich verneine das weggewehtwerden
das eingeschaltetwerden verneine ich
ich verneine es vergessen zu werden
das betreutwerden verneine ich
das geworfensein verneine ich
ich verneine die pirouette
und den bungeejump.



sonntag, 12. april 2020, 10:28

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997


ich hatte keine angst vor tiefe.
ich sah an mir bis in den kohlenkeller hinab.

mich deprimierte nicht das endlose des himmels:
ich war selbst weit und akzeptierte weite.

ich suchte den ausgleich. ich übte.
ich war elektrisch. ich war – +, + –.

alte tiere (es waren gepanzerte allesfresser) reinigten meine gläserne haut: nimmermüde. – es war eine symbiose alten stils, wie sie die alte biologie kennt. aus geschichten von wurzeln und pilzen. von putzerfischen. so wurden wir zwar nicht eins, lebten doch aber in friedlicher koexistenz. – wären sie nicht so viele gewesen, die asselartigen, ich hätte ihnen namen gegeben. wären sie nicht so stumm gewesen, ich hätte mit ihnen geredet. ihr fressen aber, begriff ich, war ihre sprache. (und darum so paradox eigensinnig, weltverloren.) ich sah auf diese sprache wie auf kunst, die hieroglyphen adaptiert: sie als zeichen einzigartig macht, verdreht, als schrift verunmöglicht: so, dass niemand sie lesen kann; so, dass zwar noch etwas da ist, vom verständlichen, aber dieser rest zu gering ist, um etwas zu sagen, zu bedeuten ...
irgendetwas an dieser sprache, glaubte ich, ähnelte meiner. vielleicht aber war es nur der hunger, der uns verband: als zeichen unseres lebendigseins, das freilich so grundverschieden war, dass ganze bibliotheken über jahrtausende hinweg es streng voneinander schieden: das leben meiner spezies, und das leben der krebstiere. man verknüpfte sie nicht. (sollte das meine aufgabe in diesem leben sein?, fragte ich.) – ich fand die krebse kryptisch, und einfach zugleich. aus dieser ambivalenz, schien mir, spross ihr charme. und aus einem staunen darüber begann ich – gedankenlos – sie zu fotografieren, aus hundert winkeln: als ich die abzüge aus dem fixierbad fischte, im roten licht der dunkelkammer sah, was ich getan hatte, ergriff mich die scham. – später warf ich die bilder ins feuer.

all das war lange her.

all das stammte aus einer zeit, in der unser verhältnis zu den organismen fast zärtlich war. / das war gelogen. / als unser verhältnis zu ihnen aus mehr bestand als aus hirnloser unterwerfung. / waren wir kultivierter damals?, oder bildeten wir uns auch das nur ein? / aus einer zeit schließlich, in der die, die nicht-wir waren, noch ein geheimnis hatten.
und wir keine anstalten machten, es ihnen zu entreißen.



sonntag, 12. april 2020, 9:05


liebe angestellte,
liebe arbeitende bevölkerung,

ihr schuftet noch – in eurer welt! ihr habt noch aufgaben!

ihr seid noch verklemmt, entfremdet, nie-bei-euch.

ihr denkt noch sehnsüchtig an sandstrände auf kapverdischen inseln. ihr denkt noch an freiheit, freizeit, einen cocktail mit papierschirm im glas, an dampfbäder und schokoladenmousse. ihr habt noch pläne. ihr wollt ausgehen. einen baum pflanzen. mal unvernünftig sein.
euch bringt noch die stromrechnung um den verstand.

ich habe all das nicht mehr.

die hand der frau, die meine linke schulter knetet, berührt mich nicht.
die tagesration an kohlehydraten reizt mich nicht zur kritik.
ich lese ihn nicht mehr, meinen therapieplan.
ich werde abgeholt, ich mache mit; doch die interpretation der mandalas überlasse ich den professionalisten, die mir die buntstifte reichen. die deutung meiner knochen denen, die mich biegen. das wissen um die injektionen jenen, die mir die schläuche anlegen. und die ansprache schließlich jenen 5 zerquetschten, die überhaupt noch reden.

ich gab alles für euch: eine weltumrührende wut.
wenn die kräfte schwinden, schwindet auch sie. (seid gnädig!)

(sagt mir): welches pulver mischt man mir ins püree?
was / was / was soll ich SCHLUCKEN?


schickt weiterhin kistenweise
energydrinks, starken kaffee & kokain
an euren
kunden-als-könig,

ritschy



ps.: ich sah das haus aus glas im tagtraum auf dem kanapee. –
ich schlug zu. – ich schlug daneben.



mittwoch, 8. april 2020, 8:14

aus den »lehren des gläsernen hauses«, erster band, 1997


ich war von schwäche beherrscht. ich knickte ein.
es war der sommer 1985.

die meisten von uns lagen flach. grund war eine allgemeine katerstimmung, befördert durch insektenschwärme, die zu jeder tages- und nachtstunde über unsere dächer zogen, laut fiepsend, piepsend, singend, jaulend – ein höllenlärm.

wir hatten insekten unterschätzt.
wir hatten mit ihnen gelebt, ohne rücksicht auf sie.
(wir kannten sie nicht.)
jetzt beschämte uns unsere ignoranz – jetzt, da wir den kontakt zu diesen tieren suchten, vergebens.

1985 war – als »kalender-«, als »meldejahr« – regelrecht überschattet von nachrichtentexten über insekten: schlage ich heute in den chroniken der 1980er jahre nach, abgelegt in orangen ringbuchordnern mit speckigen kanten, so lese ich schon in den inhaltsübersichten: »1985 – ein jahr der horden«.

wer den horden-begriff damals prägte, war irgendwann nicht mehr nachzuvollziehen: er hatte sich durchgesetzt. man wachte morgens auf, zog den lärmschutz vom schädel – und vernahm: »die horden«. man lugte aus den augen, den löchern, aus den anderen, seelenloseren öffnungen – und sah: »die horden«.

so kam es.

ich ließ mich von der schwäche leiten.
grundfalsch aber, diese verfassung in der hauptsache den horden zuzuschreiben.
war es selbstverschuldete – ja – unmündigkeit?
ich war unschlüssig.

ich blieb es.

das »privatjahr«, auch »stimmungsjahr« oder »mondeinflussjahr« bzw. »atmosphärenjahr« genannt, dieses »privatjahr« 1985 also ließ sich nicht einfach unter den horden-begriff subsummieren. hier war ehrlichkeit geboten, und sie zwang uns zur reflexion. manche begannen tagebuch zu schreiben. andere griffen auf ihre therapie-rationen zurück. es war schwer durchzuhalten. (denn nein: nicht nur mir ging es so, auch wenn ich, im gefängnis, das ich war, das ich bin, mich selbst als hauptdarsteller wahrnahm: viele andere spielten in diesem stück!)

ich knüpfte an. ich nahm den faden auf. ich zehrte vom »erinnerungsjahr« 1984. 1983 kam mir in den sinn: ein »heikles jahr«. ich zweifelte nicht an unseren zeitrechnungen. im gegenteil: nie erschienen sie mir so sinnvoll und gewitzt, reichhaltig, vernünftig, detailliert wie jetzt. oder hatte ich das schon einmal so empfunden? im »jahr der kassenschlager« 1974 vielleicht? oder im »jahr der vernunftgründe«, wie es das erste halbjahr des jahres 1956 gewesen war, bis man es – qua einstimmiger beschlussfassung – in das »jahr der unwegbarkeiten« umbenannte? – ich wusste es nicht.

1985 erhielt jedenfalls in der rückschau einige markante beinamen, die ich restlos auf mich bezog, aus eitelkeit und einer nicht stillzustellenden tränendrüse: »jahr des ohrensausens«, »jahr der fliegenfalle«, »jahr des verfehlt statuierten exempels«, »jahr der selbstaufgabe«.

ein schmerzensjahr.



samstag, 4. april 2020, 11:02


liebe mittler,

fertigt kopien dieses briefes ausnahmslos nur für jene an,
die »es bringen«
und rahmt das folgende rot:

denkt – letzter aufruf! – endlich gegen euch selbst! setzt euch als waffe ein! schlagt zu, verpasst euch den platzierten schlag, lasst das blut fließen, bohrt mit dem finger endlich das grab dort, wo die wunde ohnehin schon wächst!

wir stochern in der harmlosigkeit, ohne unterlass, jeden tag, jeden erdentag, der da ist wie der eine, der andere, ohne ende: wir stochern mit gabeln. dieses besteck aber taugt nichts, diese instrumente sind stumpfe nichtstuer, faulenzer, dreiste mittel, die uns beherrschen. einschmelzen!, muss es heißen, wegwerfen!, umschmieden zur eisernen hand, zur schlange, die zuschnappt!, zur schnalle!, zur tür, die zuschlägt, auffliegt auf uns aus dem hinterhalt, ohne erbarmen! – ja: wir geraten hinein, ja: es wird etwas gekappt. doch wir leben geradezu von dieser zerstückelung. vom verlust! von der anti-prothese! – weg damit! weg mit der weichen watte, die wir warn! weg mit der zarten spannung im brüstchen, weg mit der verzärtelten elle, die doch nur kraft abzieht vom reichtum des heiligsten organs.

lasst – ich sage es, sage es euch – nicht ab von euch! gebt alles gegen euch! seid endlich kurz vorm K.O., seid endlich dort, wo die erkenntnis brabbelnd kommt – als blut-begleiter: wo sie einströmt bis in die allerletzte faser, dorthin, wo die zellen enden, wo endlich das ende endet. wo ein für alle male schluss ist mit dem gezeter!

so werdet ihr daliegen
so werdet ihr erwarten den fuß,
der regelrecht erlösend euch ins bauchbecken tritt, und spricht:

hoch die stoppuhr! hoch die pfeifen! die handtücher! den personalausweis! HOCH EURE KINDERZEICHNUNGEN, die ihr verwahrt in der staubigen schachtel unterm bett! hoch das geheimnis! die scham! die schmutzige angst! hoch mit dem scheiß!

dann,
nur dann:

seid ihr im kommen
mit eurem
erntebringer,

richie



freitag, 3. april 2020, 9:38


liebe auskoster,

nehmt diesen auszug aus meinem »sendbrief an die weltraumaffine jugend«, erschienen 1996 im prestigeblatt »euer blau scheckierter pubertätsbegleiter, gegeben zur lektüre mit einer hand«, bitte möglichst wortlos hin:

»wir katapultieren uns – einen mittelmäßigen schrei ausstoßend – in dieses leben. ja, wir tun es selbst: wir nehmen diese rolle ein. – die welt erscheint uns als spielplatz – oder frivoles brettspiel. man spielt mit uns. doch wir spielen auch! es spielen die einen mit den anderen, die anderen mit den einen. das kindgleiche (imitation!), das kindliche (original!) spielverhalten regelt, dass uns kein verlust, keine niederlage droht: in der schwelgerischen kindheitsblüte spielt sich das spiel total, wir sind passiv-aktiv anheimgegeben einer wucht, die uns wirbelt: wir schmatzen und stöhnen auf! es ist der himmel, es wäre der himmel, wäre uns der himmel doch nur vergönnt! – denn: es fallen, oh schicksalsgewalt!, schon die würfel. die falle schnappt zu. der hosenschlitz wird geschlossen. die nippel versiegen. der supermarkt macht dicht. wir sind allein. die welt fällt ein. wir greifen noch einmal verzweifelt zu: und erwischen nichts.

dies, meine adoleszenten freundinnen,
ist das ende eines anfangs.

wie es kommt, muss es kommen, denn es kommt, wie es kommen kann, und also wird: wir treten aus der flugbahn dieses reichs der freiheit aus, beschreiten allenthalben fiese wege ins unfreie, traben auf ausgetretenen pfaden – so schnö kannst ned schaun. es ist, als trübe sich die linse, die konturen werden fahl. alles erstirbt. ist ein wenig tot. wird es. wird toter! vielleicht entpuppt sich alles? zeigt ein wahres gesicht? und vielleicht nehmen auch wir, verdammte plage!, teile dieses gesichts in unseres auf (plastische chirurgie!), und sehen uns ab sofort im spiegel zu – beim erschlaffen, absparen, runtertrainieren? – wir lesen von den emaillierten schildern ab:

alle abzweigungen führen ausnahmslos in eine richtung.

wir rascheln, unsere verzweiflung preisgebend, mit unseren geburtsurkunden in den büschen. wir wollen beweisen, dass wir frisch sind, saftig, und nicht bereit ausgepresst in den heimen zu vegetieren, bewacht von den kontrollettis, die uns kontrollieren. es hilft nichts. alles hilft nichts.

wir treten ein.


eine frau namens „frl. härthner“ erwartet uns hinter einem seidenumspannten schalter. sie öffnet das sprechloch weit. sie ruft uns zu: »DA SEID IHR JA!« es erfasst uns die nackte, aufschlitzendste angst. wir drehen uns um, hoffend, ES STÜNDE JEMAND HINTER UNS, auf den sich diese ansage beziehen ließe. die ominösen jemands bleiben aus. wir fehlten weit. wir gefehlten!, wir waren falsch gedreht! – wir sind es.

fräulein härthner will fräulein genannt werden. wir erröten vor scham.
sie reicht uns ein papier. es prangt darauf in riesenlettern frech kolossal der titel: ANTRAG ZUR EHESTMÖGLICHEN BESCHEINIGUNG DER BETEILIGUNG.
wir zucken. aus.

was in uns noch des morgens keimte: säfte, flüssigkeiten, sprudel, moralische ambivalenz: es wird hart in den venen. kaum noch, DASS ES FLIESST. – ja, wir erhärten.
wir greifen uns, blind-trotzig, an die hüften. wir testen es noch einmal aus: wir kosten. – doch der geschmack: versackt.

frl. härthner erteilt uns in worten eine abreibung und begrüsst uns im reich der zwänge, das von nun an unsere heimstatt sei!, sein soll!, wird! – wir glauben nicht. man macht uns glauben. mit grünem tee. und ruten.

wir sind noch einmal auf der suche nach gefühlen. es treibt uns dazu die melancholie.
wir waren einmal bewaffnet mit neugier und erogenen zonen,
doch das ist nun


vorbei
/
bye
/
bye


lernt! strebt! geht allein, geht zu vielen, verderbt euch selbst die jugend! nehmt euch ein beispiel an den rührschüsseln, die das leben aus euren tanten und onkels gemacht hat: so stehen sie da!, nutzlos, verunstaltet von »funktionen«, die den erdball beschämen. sie kümmern dahin, irgendjemand redet (nur zum schein) »zwanglos« noch auf sie ein. es geht ihnen durchs mark, durchs bein. es sickert alles durch, und nichts bleibt hängen. – erlöst uns! befreit uns! macht uns ganz! macht uns unvollständig! holt uns zurück ins ungefähre!, sagen sie. und (kleinlaut): wir wollen spielen.«


es schickt euch, wie stets,
pralle verlustgrüße
mitten rein ins herzilein
euer
edelbeisser,

ritschy



donnerstag, 2. april 2020, 8:15


liebe schwestern,

ich gebe allseits anlass zur sorge, ja die angestellten hier sehen verängstigt zu mir herab: wessen träume vergifte ich mit meinem kümmerlichen siechen? an wessen praller lebenskraft sauge ich eigentlich, wie am lutscher aus wassereis? –––
jetzt heißt es abwägen und das ende des zauderns herbeiführen, koste es, was es wolle, ja möge es auch in knechtend-schmerzvoller aufbäumung geschehen!

indes:
in dem moment, da ich dies zu papier bringe – naja auf die karton-innenseiten der größeren der sieben medikamentenschachteln kritzle –, weiß ich: dass ich noch immer die abschweifung suche, die möglichkeit, mich aus meinem schicksal zu stehlen. ist es uns humanos gegeben, in ironischem treiben, im kalauern, im seitenblicke-werfen auf das unnötigste, das zweitrangigste, das am wenigsten entscheidende unseres daseins, ja GERADE DARIN & DADURCH ALSO ein ausweichmanöver anzuzetteln, wenn der moment der äußersten zuspitzung naht? wenn er droht, wenn er absehbar ist und nah, wenn er unzweifelhaft sich ankündigt? jener moment, den wir liebevoll-dreist den „moment der entscheidung“ gewöhnt sind zu nennen? – ich will mich nicht einlassen, will mich nicht versteigen zu einer anthropologie vom format einer toastscheibe, darum belasse ich es bei ebendieser schmalen überlegung als andeutung, die in sich siech ist: wie alles.

ich kehre zurück. ich kehre um.
eins zwo drei vier:
[pause]
»DIE TAGE WERDEN ENGER«


ja!?, frage ich, sind wir denn die geister, die stets verneinen? oder schauen wir DOCH NOCH sehnsuchtsvoll, vielleicht lose-lüstern auf das schwingen der baumäste, der blätter im wind? erschaudern wir noch – beim anblick der vielen farne, in ihrer art und anmutung so unterschiedlich, dass uns die eigene uniformität, die eigene schalheit schmerzlich bewusst wird? wollen wir uns besprenkeln lassen vom frühlingsregen, der uns anregt, sind auch längst schon vier fünftel unseres lebensgeists erloschen? – die antwort hat der zeichen 7, sieben: »aber ja.« oder ihrer elf, 11: »aber ja doch.«

und so rühren mich jene, die mir mitleidig die birnenstücke eingeben, und ich rühre sie, denn zwischen uns besteht noch die verbindung, die unsere unvermeidliche biologie bis zuletzt stiftet: ein dünner faden, ja!, doch ein faden allemal, solange ihn nicht durchtrennt die macht der mächte – oder eure zweifelhafte gefolgschaft. gebt mir jetzt – denn wenn nicht jetzt, wann dann?! – ein zeichen eurer rührselig-dialektischen verbundenheit zu mir, in der an- und abstoßung, anziehung und ekel sich bündeln, paaren, eingehen eine schlüpfrige liaison!

gebt mir dieses zeichen!

... oder gebt mir schamlos keins,
wenn ihr spielt auf mir wie auf dem letzten klavier
wenn ihr mich in die finger kriegt wie die noch-tote gliederpuppe
– die erstarkt, ersteht erst durch eure bewegung –
wenn ihr mich fallen lässt wie zerschlissene blusen.

gezeichnet
euer
ric-c-cardo



mittwoch, 1. april 2020, 7:57


liebe kohorten,

ganze areale meiner kopfhaut schuppen, nässen und trocknen doch zugleich aus wie wüsten – in wilden rhythmen ihre aggregatzustände wechselnd: ich blättere in medizinischen nachschlagewerken der 1970er jahre (vergilbt, abgegriffen, annotiert), um zu verstehen, wer ich bin und möglicherweise sein werde. dass die „krankheit“ einmal von oben, ja vom kopfgehirn ihren ausgang nehmen würde, hielt ich noch bis vor kurzem für unmöglich; immer mehr jedoch scheint sich zu bestätigen, dass mein jahrzehntelanger hang zur selbstertüchtigung qua handstand ein lebensbedrohliches unheil gestiftet haben könnte, das ich jetzt – hier sitzend, schmollend, SCHMÖKERND – ausbaden werde müssen. – aloha blanca, respiratore meum!

ich lege eine grün schimmernde
probe meiner kopfhaut bei.


für welche art überreizung sind wir geschaffen? welchen hirndruck halten wir aus? wie leben wir mit unseren elenden nervenübeln, die uns klein und mickrig machen wie abgefallenes, eingefallenes blattwerk, dessen wir uns am liebsten mithilfe riesengroßer staubsauger entledigen würden (dies aber aus gründen der korrektheit und der falsch verstandenen rücksichtnahme unterlassen)? – ich denke an all die krankheiten, die unsere gegenwart prägen; ich kann keine einzelne, aus diesem siechtum hervorstechende unter ihnen erkennen: keine, die sich rühmen könnte einer ausnahmerolle, dieser jämmerlichen leitmotivschaft, die wir für alles, was uns auf erden an phänomenen begegnet, dumm-zwanghaft anmelden, anwenden: es herrscht diese übersichtlichkeit NICHT! stattdessen gilt: wir leiden an allen enden. wer gegenteiliges behauptet, denkt am schmalen blatt vorbei. hindurch. und haut in ein loch, wo sie/es/er eine trommel vermutet. – alles ist ein abgrund, magnetisiert, elektrifiziert, unter höchstspannung stehend. wer hineinfällt, wird langsam, in zeitlupentempo: knusprig gebraten.

wir essen uns auf.


ich betrachte den dünnen, ja verschwindend unbeachtlichen posteinlauf der letzten tage und erlebe dabei einen eitlen schmerz, den ich mit gelbtönigem, stechend-fiesem hirnschmerz eliminiere. ihr seid nicht die, die mir treu sind. ihr seid die, deren untreue und untugend ich selbst beschworen habe, in bündeln von briefen, ich weiß. glaubt nicht, dass dieser soft-fusselige „widerspruch“ (wunsch nach treue, beständiges feststellen von untreue, wunsch nach untreue!) mich irgend kümmerlich macht, gar grämt: ach es ist doch nur eine vertrocknete luftwurzel, die sich quer in die gedankenwanne legt, wo doch ansonsten ein wasserfall die (hirn)schale erleuchtet, ach es ist doch nur eine mikrominiatur, die einfällt, implodiert dort, wo von sisyphossen aller sorten ein riesenhaftes reich errichtet wird!

nehmt dieses bild als weltbild.


nach der lektüre einiger standardwerke der anatomie skizzierte ich auf meinem bettlaken mit eigenblut die ausformungen der leber in gewissen „stadien“. – seither blicke ich auf das,
was ich dareinst einer des schönen und begehrenswerten überdrüssig gewordenen welt hinterlassen werde:
ein blutbild von eigenhand, eine leberskala, die das äußerste zu zeigen nicht scheut,
und so in ihrer drastik dasjenige gibt,
was zu geben nur euer abgespannter paria in der verfassung ist zu geben:

das äußerste,
die extreme,
weil sie wahr sind und uns die schule des lebens,
ja uns,
die wir keine andere schule haben.

reichhaltig sind auch heute und nichtsdestotrotz
die grüße
eures
bettlers &
fledderers auf allen ebenen,

rikky roy